Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.12.2015


TT-Gespräch

Heinz Dellwo: Der ruhige Radikale

„Es gab keine Alternative zum bewaffneten Kampf“: In den 1970er-Jahren war Karl-Heinz Dellwo Mitglied der Roten Armee Fraktion. Die TT traf ihn zum Gespräch.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Bezeichnung „Terrorist“ lehnt er ab. Schließlich bedeute „Terror“ „Schrecken“ – und um das Verbreiten von Schrecken sei es der Roten Armee Fraktion nie gegangen, „sondern um das Aufzeigen eines anderen, besseren Weges – und um die Etablierung einer Gegengewalt zur niemals gewaltfreien Hierarchie der Bundesrepublik“. Aber letztlich, sagt Karl-Heinz Dellwo, sei es sinnlos, sich darüber aufzuregen, „Wortklauberei, die sowieso nirgends hinführt“.

Heute ist Karl-Heinz Dellwo Geschäftsführer des Hamburger Laika-Verlags und Herausgeber der viel gelobten „Bibliothek des Widerstandes“. Trotzdem ist die erste Ergänzung, die gängige Internetsuchmaschinen zu seinem Namen vorschlagen, die, die er am wenigsten akzeptieren kann – „Terrorist“.

Dellwo war Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF). Er gehörte zu jener Gruppe, die als „Kommando Holger Meins“ im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm erstürmte, mehrere Geiseln nahm – und letztlich vier Todesopfer (zwei Geiseln und zwei in den eigenen Reihen) zu verantworten hatte. 1977 wurde Dellwo zu lebenslanger Haft verurteilt. 1995 kam er – nach beinahe 20 Jahren Isolationshaft – frei und baute sich in dem Staat, den er bitter bekämpfte und dessen „Extremismus der Mitte“ er noch heute radikal ablehnt, eine Existenz auf.

Als eines der wenigen ehemaligen RAF-Mitglieder sucht der heute 63-Jährige die Öffentlichkeit, spricht über seine Zeit als „Staatsfeind“. Und versucht damit eine Geschichte hinter der „offiziellen RAF-Historiografie“ zu erzählen, die in Erinnerung ruft, dass die Siegergeschichten immer nur eine Seite der Medaille sind. Denn so viel ist für Karl-Heinz Dellwo klar: „Dass wir verloren haben, steht außer Zweifel.“ Außer Zweifel stehe allerdings auch, dass es dem Staat selbst in zwei Jahrzehnten Isolationshaft nicht gelungen ist, ihn zu brechen. Mehrfach war Dellwo als Vortragender in Innsbruck zu Gast. Zuletzt beim Polit-Film-Festival im vergangenen November. Wobei es Dellwo bei seinen öffentlichen Stellungnahmen weniger um Rechtfertigung geht. Vielmehr will er Umstände seiner Taten erklären – sie in einen gesellschaftlichen Kontext abseits von reaktionärer Verteufelung oder revolutionärer Verherrlichung einbetten. Dass er sich damit trotzdem angreifbar macht, ist ihm bewusst: „Das muss man in Kauf nehmen. Die typische Reaktion auf unangepasste Standpunkte ist aggressive Ablehnung.“ Erst vor Kurzem ätzte eine Berliner Boulevardzeitung nach einem Vortrag Dellwos über Parallelen zwischen der RAF und der NS-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, es wäre besser, wenn der „Ex-Terrorist“ endlich schweigen würde. Dabei ist Dellwo das, was man einen ruhigen oder zumindest ruhig gewordenen Radikalen nennen könnte. Radikal sind bisweilen auch seine Argumente, die Argumentation selbst allerdings ist besonnen. So beschreibt Dellwo die RAF als Bewegung, die schnell, „spätestens mit dem Ende des Vietnamkriegs, der zunächst den Rahmen für beherzten Antiimperialismus absteckte“, in die Defensive getrieben worden sei – und diese defensive Haltung habe letztlich die Eskalation der Gewalt befeuert. Letztlich sei es allerdings sinnlos, sich von den eigenen Taten zu distanzieren. „Die Aktion in Stockholm ist komplett danebengegangen. Aber ich trage sie mit. Genauso wie ich den bewaffneten Kampf mittrage. Es gab keine ernstzunehmende Alternative dazu. Alle Versuche, den Kampf mit anderen Mitteln zu führen, erschienen mir damals peinlich – und tun es bis heute.“

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Keine Reue also? Dellwo: „Nein, aber die Einsicht, dass wir unsere Aktion besser planen hätten müssen. Dafür hätte ich gern etwas mehr Zeit gehabt.“