Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.08.2015


Musik

Zeitenwende auf dem Highway

Übungen in tonaler Atemkontrolle: Vor 50 Jahren veröffentlichte Bob Dylan mit dem Album „Highway 61 Revisited“ einen Meilenstein der Rockgeschichte.

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© Sony Music



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Ein Initiationsmoment: „Als ich zum ersten Mal Bob Dylan hörte“, erzählte Bruce Springsteen im Jänner 1988 anlässlich der Aufnahme Dylans in die Hall of Fame des Rock’n’Roll, „war ich gerade mit meiner Mutter im Auto, da erwischte mich der Schlag der Snare, und es klang, als ob damit die Tür zu meinem Bewusstsein aufgestoßen worden wäre.“ Dem eröffnenden Trommelschlag folgten Orgel-, Klavier und E-Gitarreneinsatz, ein hingerotztes „Once upon a time ...“ („Es war einmal“) und alles mündete in ein heulendes „How does it feel?“, das weniger Frage nach der Befindlichkeit war als befreiend zornige Anklage: und jetzt?

„Like A Rolling Stone“, das Dylan mit seiner Band – Michael Bloomfield (Gitarre), Al Kooper (Orgel), Bruce Langhorne (Tamburin), Paul Griffin (Klavier), Joseph Macho Jr. (Bass) und Bobby Gregg (Schlagzeug) – am 16. Juni 1965 einspielte, war der Startschuss für jene Wende, die der damals 24-Jährige bereits zuvor mit dem zurückhaltender elektrifizierten Album „Bringing It All Back Home“ angekündigt hat: „It’s All Over Now, Baby Blue“.

Die Zeiten der zarten Klampfen-Romantik und in den Wind gehauchter Fragen waren vorbei. Bob Dylan, feinsinniger Folkbarde und Darling New Yorks gutbetuchter Kunstschickeria, entdeckt den Rock’n’Roll. Er bricht auf zu neuen Ufern. Was zunächst einmal heißt, er wagt sich dorthin, wo es wehtut, auf die Straße. Deshalb ist der Titel des Albums, das gut einen Monat nach der Singleveröffentlichung von „Like A Rolling Stone“ im August 1965, vor ziemlich genau 50 Jahren also, erscheint Programm: „Highway 61 Revisited“. Ein Album, in dem Dylan nicht nur ungestüm in eine elek­trisch verstärkte und verzerrte Zukunft prescht, sondern eben auch – Stichwort: revisited – das Bisher neu ordnet. Und das darf durchaus auch biografisch verstanden werden. Schließlich verläuft der echte Highway 61 von der kanadischen Grenze durch Duluth, Minnesota, wo Dylan als Robert Allen Zimmermann im Mai 1941 geboren wurde, über Minneapolis nach Memphis, Heimat der legendären Sun-Studios, in der Blues-Größen wie Howlin’ Wolf, Rock’n’Roller wie Elvis Presley und Country-Legenden wie Johnny Cash Platten einspielten. Und führt von dort tief hinein ins Geburtsland des Blues und Jazz, ins Delta des Mississippi nach New Orleans.

Wäre es kein verkommenes Klischee, man müsste von „Highway 61 Revisited“ als Dylans nicht nur musikalisch forschester, sondern auch von seiner persönlichsten Platte sprechen. Einer Platte übrigens, der ihrerzeit der kommerzielle Erfolg versagt blieb. Zum bedeutendsten Rocksong aller Zeiten (ein alles in allem etwas fragwürdiger Titel) wurde „Like A Rolling Stone“ erst am Ende des 20. Jahrhunderts gewählt. Wobei auch Dylans konsequente Verweigerungshaltung auf der Bühne ihr Scherflein zum Misserfolg beigetragen hat. Seinem Stammpublikum war der neue Dylan suspekt: dunkle Sonnenbrillen, elektrische Gitarren und die trotzige Ankündigung, angesichts der Unmutsbekundungen entgeisterter Zuhörer „fucking loud“ spielen zu wollen. Dazu noch einmal Bruce Springsteen: „Zum ersten Mal seit Jerry Lee Lewis klang Rock’n’Roll wieder dreckig.“

Der Skandal war gewissermaßen vorprogrammiert. Und all das Gerede über empörte „Judas“-Rufe und Pfeifkonzerte hat letztlich dafür gesorgt, dass viele bahnbrechende Aspekte von Dylans 6. Studioalbum in den Hintergrund traten. Wenig ist beispielsweise von der (akustischen) Schlussnummer von „Highway 61 Revisited“ die Rede, der karg arrangierten Ton-Text-Collage „Desolation Row“, in der Dylan aus zahlreichen popkulturellen Bruchstücken eine 12 Minuten lange amerikanische Apokalypse inszeniert: Die Bilder Gehenkter werden verramscht, ein als Robin Hood verkleideter Elektrogeiger namens Einstein fidelt um sein Leben, Ezra Pound und T. S. Elliot rangeln um das Ruder der „Titanic“ – und Cinderella, Ophelia und Bette Davis stimmen ein in das Hohelied verlorener Seelen.

Es sind Songs wie „Desolation Row“ oder „Just Like Tom Thumb’s Blues“, die am ehesten erklären, was Dylan in seinen – zugegeben kryptischen – Linernotes zum Album mit „Übungen in tonaler Atemkontrolle“ meinen könnte: „Highway 61 Revisited“ ist weniger Rock’n’Roll oder elektrifizierter Folk-Rock-Irgendwas als Sprachmusik. Dafür muss zwar nicht, wie manche Dylanologen seit Langem fordern, der Literaturnobelpreis vergeben werden. Es reicht zu wissen, dass der zornig zeternde Dylan manche Tür aufstieß, die sich nicht mehr schließen ließ. Nicht nur jene zum Bewusstsein von Bruce Springsteen. Oder, in den Worten von Frank Zappa: „Ich wollte mit dem ganzen Musikkram aufhören, weil ich das Gefühl hatte: Wenn ‚Highway 61 Revisited‘ das erreicht, was es erreichen soll, dann bleibt für mich nichts mehr zu tun.“