Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.09.2015


Klangspuren

Klopfzeichen im Zwischenreich

Zwei Klangspuren-Konzerte aus dem sinnlichen Reich der Klangforschung.

null

© Klangspuren



Von Ursula Strohal

Innsbruck, Schwaz – Die musikalische Anbindung unserer Zeit an die vorklassische Epoche wird gern mit den Mitteln des Jazz versucht, man beruft sich meist oberflächlich auf Rhythmus und Improvisation. Kenntnisreicher und tiefgründiger arbeitet da Klaus Lang, der bis ca. 1600 zurückgeht, zu jener spannenden Epoche, da frühbarocke Empfindungen und Erfindungen die Renaissance ablösten. Da entgegen strukturiertem Reglement ein neues Bewusstsein für Klang und Stimmungssysteme erwachte. Organist Lang durfte für Klangspuren erstaunlicherweise an die so streng bewachten Orgeln der Hofkirche und weitete dort den Horizont der Anhänger sowohl Alter als auch Neuer Musik.

Zunächst aber Theatralisches. Charlemagne Palestin­e, der prominente amerikanische Glockenspielzauberer, nahm das Carillon im Innsbrucker Dom zu St. Jakob in Besitz und tat, was er schon lange tut: die Wirkung insistierender Wiederholungen kleingliedriger rhythmischer Motive in gleichbleibender bis ähnlicher Lage zu intensivieren. (Der lange Satz ergibt sich, weil Palestine die Bezeichnung „Minimalismus“ ablehnt.) Da wird bekanntlich die kleinst­e Veränderung zum Ereignis, und zum Finale ließ der Meister dann doch das volle Registe­r kurz aufrauschen.

Dann rollte eine Kutsche vom Dom zur Hofkirche, auf der Klaus Lang ein Regal, eine kleine frühe Tischorgel, spielt­e. Dahinter in Regen und Kälte die erstaunlich zahlreichen Zuhörer. Passanten blieben stehen, kamen aus Lokalen, rätselnd. Nur die Schleife, die die Kutsche vor dem Goldenen Dachl zog, verhinderte den Eindruck eines seltsamen Kondukts. In der Hofkirche hatte Lang für einen Klangstrom aus der Silbernen Kapelle gesorgt und weitete ihn auf der Ebertorgel zum faszinierenden Erlebnis, wo Zeiten keine Rolle mehr spielten und alte Meister in die neue Pracht der mitteltönig atmenden Instrumente eingebettet wurden, „umarmt“, wie Lang sagte.

Am Abend darauf in der Schwazer Kirche St. Martin das fulminante Österreichische Ensemble für Neue Musik in wechselnder Besetzung. Lang war vertreten mit „Hungrige Sterne“, einem subtilen, vibratolosen, wieder ungemein nuancierten Changieren, das ins Innere der Klänge führte. Zuvor Georg Friedrich Haas’ „Anachronism“ von 2013, ein tolles, auch mikrotonales Stück, das über einem lange gleichbleibenden Muster mit Dynamik und Verdichtung spielt. Der Spectralmusiker Tristan Murail brachte wildes Leben und neue Perspektive in den Kirchenraum, und schließlich, grandios, Salvatore Sciarrino. Sein­e „Introduzione all’Oscuro“ von 1981 ist ein existenzielles Nachtstück aus Flüchtigkeit und tausend Hörereignissen im Dunkel, mit Klopfzeichen aus dem Zwischenreich.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

John Lennon mit Sonnenbrille als Hintergrundbild beim "75th Birthday Concert" 2015 in New York.Großbritannien
Großbritannien

Sonnenbrille von John Lennon für knapp 165.000 Euro versteigert

Auch andere Memorabilien der „Beatles“ standen bei der Auktion zum Verkauf. Unter anderem wurde eine Hippie-Halskette von George Harrison für 10.000 Pfund (k ...

Taylor Swift.Geburtstag
Geburtstag

Frisch gekürte „Künstlerin des Jahrzehnts“: Taylor Swift wird 30

Zur „Künstlerin des Jahrzehnts“ erklärt, dutzende weitere Preise eingesammelt, sieben Alben veröffentlicht und viele Millionen mal verkauft: US-Sängerin Tayl ...

Vincent Bueno, Österreichs ESC-Kandidat 2020.ESC
ESC

65. Song Contest: Vincent Bueno fährt für Österreich nach Rotterdam

Ein bisschen ESC-Luft hat Vincent Bueno bereits geschnuppert, 2016 unterlag er beim Vorentscheid gegen Zoe, 2017 sang er als Backgroundsänger für Nathan Tren ...

In der Kellerei, an sich eine einzige Erfolgsgeschichte seit ihrer Eröffnung 2013, kann man bei Open-Stage-Veranstaltungen Besucher wie Musiker schon mal an einer, meist an wenigen Händen abzählen.Exklusiv
Exklusiv

Interesse schwindet: Oft Lonely statt Open Stage in der Kellerei Reutte

Mangelndes Interesse von Publikum und Musikern zerrt am Nervenkostüm von Open-Stage-Organisator Andreas Kopeinig. In der Kellerei kann man Besucher wie Musik ...

Festakt bei der Bezirksversammlung in Strengen: Elmar Juen, Florian Geiger, BH Markus Maaß, Ehrenkapellmeister Rudi Pascher, Landtagsvizepräsident Toni Mattle, BM Harald Siess und Hubert Marth (v. l.).Bezirk Landeck
Bezirk Landeck

„Blasmusik-Maestro“ Rudi Pascher zum Ehrenkapellmeister gekürt

„Ruhiger Charakter, ultimativ, dynamisch und identisch" — das Lösungswort „Rudi" war bei der Vollversammlung des Musikbezirks am Sonntagaben...

Weitere Artikel aus der Kategorie »