Letztes Update am Sa, 26.09.2015 08:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


25. Jubiläum

„Naked Lunch“ im TT-Interview: Großes zum Himmel schreien

„Naked Lunch“ feiern ihren 25. Geburtstag. Ein Gespräch über Hits und Hymnen, existenzielle Krisen und die Nicht-Weltkarriere.

Sänger und Gitarrist Oliver Welter (3. v. l.) lebt als einziges Mitglied der Kärntner Kultband „Naked Lunch“ noch in Klagenfurt.

© Ingo PertramerSänger und Gitarrist Oliver Welter (3. v. l.) lebt als einziges Mitglied der Kärntner Kultband „Naked Lunch“ noch in Klagenfurt.



„Naked Lunch“ gilt als Indie-Institution. Mit dem Image des melancholischen Frontmannes setzen Sie sich mit Grissemann und Stermann im Kabarettprogramm „Für die Eltern was Perverses“ auseinander. Ein Befreiungs­schlag?

Oliver Welter: Es ist ja eine sehr bedauernswerte und fast schon dümmliche Gestalt, mit der ich mich in diesem Stück auseinandersetze. Die Attribute des klassischen Indie-Musikers treffen wohl auch auf mich zu. Mein Begehr war, dass man das aufreißt, um in diesem Indie-Kosmos nicht komplett unterzugehen.

In dem Kabarett-Programm spielen Sie die Hymne „Militar­y of the Heart“. Ein Herzstück?

Welter: Das ist ganz ein zen­trales Stück für mich und die Band. Es klingt jetzt schon fast esoterisch, aber es gibt Stücke, an denen arbeitet man bewusst, man hat einen Plan und ein Ziel und man schaut immer, wie man da hinkommt. Und dann gibt es diese Stücke, die sind plötzlich da. Ich wollte die Nummer mit Text füllen und meine einzige Vorgabe war, dass jede Zeile in den Himmel geschrien werden kann. Ich habe mir eine Riesenrolle Papier gekauft und hab’ mit Edding riesige Lettern draufgeschrieben. Jedes kleine Wort habe ich ausgestrichen und durch ein größeres ersetzt. Es war mir einfach ein Bedürfnis, in sehr konzentrierter Form zu beschreiben, was mir am Herzen liegt, und das sind nun mal meine Nächsten.

Die bestechend direkte Textzeile „I love my son and I love my daughter“ hat die Musikpresse ziemlich beschäftigt.

Welter: Seltsamerweise wurd­e das irrsinnig oft besprochen, in der internationalen Rezeption wurde sogar von jemanden befunden, das gehe zu weit. Und ich dachte, was ist denn das für ein Blödsinn, dass man in der Popmusik immer die Kunst betreiben sollte, in Metaphern zu sprechen. Ich dachte, ich spreche mal ganz konkret.

Sehr konkret wirkte in den 90er-Jahren auch eine internationale Karriere. Mit dem Album „Superstardom“ standen Naked Lunch 1997 vor dem Durchbruch. Was hat nicht funktioniert?

Welter: Schwer zu sagen. Wir haben plötzlich so unfassbar hoch dotierte Verträge bekommen, wir sind von Klagenfurt weg und waren in einer gefühlten Sekunde in New York, wurde­n überall in der Welt herumgereicht. Wir konnten damit überhaupt nicht umgehen. Ich kann mich noch erinnern, dass ein irrsinnig wichtiger englischer Musikmensch uns unbedingt auf seinem Plattenlabel haben wollte. Auf die Frage, wo wir denn jetzt wohnen werden, hat er geantwortet: Ihr werdet in den nächsten fünf Jahren überhaupt nirgends wohnen. Es hat nicht sollen sein, das macht uns nicht rührselig. Wir sehen das auch nicht als vertane Chance, vielleicht wären wir jetzt alles Drogentote.

Das ehemalige Band­mitglied Georg Timber-Trattnig ist 2000 infolge seiner Alkoholkrankheit gestorben. Das Album „Songs for the Exhauste­d“ ist damals auf einem Tiefpunkt entstande­n.

Welter: Diplomatisch ausgedrückt sind wir durch relativ schwierige Zeiten gegangen. Damals ist alles zusammengekommen. Der Verlust von Menschen, unter anderem Georg, der sehr früh gestorben ist. Wir wurden vom Major Label plötzlich fallen gelassen, hatten irrsinnig viele Schulden und wussten nicht, woher das überhaupt kommt. Das Studio von Bassist Herwig Zamernik Studio ist auch noch komplett abgebrannt, manche von uns waren wohnungslos und hatten dort gewohnt.

Eine kathartische Erfahrun­g?

Welter: Dermaßen in der Scheiß­e zu stecken, war das Beste, was uns passieren konnt­e, muss ich ehrlich sagen. Das war die Stärke der Band, nicht auseinanderzugehen, sondern sich zusammenzutun, das Ganze zu kanalisieren und eine Platte zu machen, die das reflektiert. „Songs for the Exhausted“ ist mein Lieblings­album von Naked Lunch.

Es gab nicht nur diese Krise, der Bandkern hat sich als sehr beständig erwiesen.

Welter: Es hat Pausen gegeben, es hat Zerwürfnisse gegeben, das ist ganz normal, weil man in einer Band ja in einer Beziehung steht. Zu Beginn mit Anfang 20 gründet man einfach eine Rockband. Das vordergründige Ziel ist, dass man auf eine Bühne geht, die Haare wirbeln lässt, laut ist, die Mädchen kriegt und viel Alkohol trinkt.

Das hat ja gut funktioniert.

Welter: Natürlich, das funktioniert immer, das ist dieses Mysterium Bühne. Sobald du 80 Zentimeter höher steigst, fliegen dir die Herzen zu. Im Prinzip kann man das bei allen Bühnenkünstlern auf eine hochgradig sexuelle Komponente reduzieren.

Naked Lunch hat gerade den Soundtrack für den Film „Jack“ gemacht. Ihr arbeitet immer wieder für Film und Theater.

Welter: Das hat einen hohen Stellenwert für uns. Diese Arbeiten sind unheimlich befruchtend. Aber das Machen einer eigenen Platte ist ungleich schwieriger und auch mit viel mehr Herzblut verbunden.

Das Jubiläum wird mit „The Singles Collection“ gefeiert. Warum kein Best-of?

Welter: Das stand zuerst im Raum, aber das war uns zu speziell. Wir wollten ehrlich sein und alle Stücke, die als Single gedacht waren oder auch als solche erschienen sind, präsentieren. Das sind ja per se nicht immer die besten Nummern. Das ist einfach der Querschnitt der letzten 25 Jahre, der auch von den Plattenfirmen so ausgewählt wurde.

Wie geht es weiter?

Welter: Wir spielen jetzt ein paar Shows. Nächstes Jahr wollen wir wieder an einer neuen Platte arbeiten.

Das Gespräch führte Silvana Resch