Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.12.2015


Homeless

Zweitägiges Weihnachtsfest mit Flüchtlingen im Treibhaus

Musikalisch elektrisierend und besinnlich zugleich. Im Innsbrucker Treibhaus wird ein zweitägiges Weihnachtsfest für und mit Flüchtlingen gefeiert.

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© veranstalter



Von Silvana Resch

Innsbruck – Das Christkind lässt auf sich warten. Stimmungsvolle Umzüge, „mit Fackeln und fröhlichen Weihnachtsliedern“, stehen aber bereits zuvor in Innsbruck an, eine feierliche Prozession gibt es am 18. und 19. Dezember vom Landhausplatz über den Christkindlmarkt ins Treibhaus, gemeinsam mit dem Streetnoise-Orchestra „und den Leuten aus den Flüchtlingsheimen“, sagt Norbert Pleifer. Nach den „baulichen Maßnahmen“ (Mikl-Leitner), diesen so genannten „technischen Sicherungen im Grenzbereich“ (Faymann), werden nun endlich „erbauliche Maßnahmen für und mit Flüchtlingen“ (Pleifer) gesetzt.

Und weil sich die Realität eines Grenzzaunes in Österreich zunehmend manifestiert, gibt es auch hier einen: Auf dem Cover des schönen, inhaltsschweren Programmheftes zum Zwei-Tages-Fest wurde ein Maschendrahtzaun hinter einem Giotto-Fresko eingezogen. Nur ein Photoshop-Bild freilich, denn im Treibhaus sollen Grenzen ja eingerissen werden. Unter dem Titel „Homeless“ ist kommendes Wochenende eine Feier des Friedens und der Solidarität angesetzt, von 1200 Karten ist die Hälfte für „Gäste“ reserviert. Jede Kaufkarte ermögliche es, einen Schutzsuchenden zum Fest, den Konzerten, zum Essen und Trinken einzuladen, so Pleifer. „Wir machen keine Charity“, alles was reinkommt, werde auf den Putz gehauen. Entlohnt werden auch die Musiker und Bands. „Das wird kein Benefizkonzert, pausenlos werden die Künstler gefragt, ob sie einen Teil von ihrer Arbeit herschenken, sollen doch einmal die Zahnärzte für den Weltfrieden bohren“, sagt der Treibhaus-Chef. Manche der Musiker, wie der algerische Superstar Hamid Baroudi, bleiben trotz bescheidener Gage länger. Baroudi tritt nicht nur an den beiden Abenden im Treibhaus auf, der politisch engagierte Weltmusiker will „mit den Leuten zusammenkommen“.

In ein zunächst finsteres Treibhaus führt die Fackelprozession am Freitag. Feuerstellen spenden Wärme, mit leisen Klängen wird der syrische Musiker Salah Ammo, selbst Flüchtling, die Feier eröffnen. Bespielt wird das ganze Haus, Shantel & sein Bucovina Club Orkestra kommen eigens angereist. „Es ist nicht so, dass ich besonders gerne für Flüchtlinge oder Nichtflüchtlinge spiele. Ich spiele für Menschen“, sagt Shantel, der mit bürgerlichem Namen Stefan Hantel heißt. „Ich freue mich, wenn die Leute bei unseren Konzerten vergessen, was für Zwänge oder Ängste sie in sich tragen und welche Nationalität, welche Religion sie haben. Und wenn der Alltag, der jetzt von den dramatischen Flüchtlingsumwälzungen in Europa geprägt ist, für einen kurzen Moment ausgeblendet werden kann und die Menschen mit einem Lächeln nach Hause gehen.“

Bei den Anschlägen im Pariser Bataclan, wo Shantel selbst gerne und oft aufgetreten ist, hat er drei seiner Kollegen verloren. Doch auch wenn das Massaker gezeigt hätte, dass der Terror überall passieren könne, so dürfe man keine Angst zeigen: „Natürlich müssen wir wachsam sein, aber ich gehe jetzt umso mehr nach draußen, versuche so viele Shows wie möglich zu spielen.“ Auf seinen Touren durch Europa hat der Großmeister des Balkan-Pop die Veränderungen hautnah miterlebt, für manche seiner Bandmitglieder gestalte sich die Einreise in den Schengen-Raum zunehmend schwierig. „Wenn Europa Stacheldrahtzäune an den Grenzen hochzieht, dann ist das für mich eine völlig falsche Politik. Die Angst verdrängt im Moment alles Rationale, wir spüren in den meisten Ländern einen dramatischen Rechtsruck, ich sehe da bedrohliche Wolken aufziehen.“ Hantel, dessen Mutter 1947 in einem Flüchtlingslager bei Linz geboren wurde, ruft zur Verteidigung der pluralistischen Werte auf: „Wir dürfen uns nicht gefallen lassen, dass uns diese antidemokratischen Kräfte das Heft aus der Hand nehmen.“ In der jetzigen Situation sei unser Mitgefühl gefordert: „Man sollte sich überlegen, ob man wieder das Geld für unnötige Weihnachtsgeschenke oder Silvesterknallerei zum Fenster rausschmeißt.“

Vor Weihnachten erinnert auch Pleifer mit seinen Giotto-Fresken nicht von ungefähr an die Flucht nach Ägypten. „Alle fürchten sich vor Asylwerbern, haben berechtigte Ängste, aber keiner kennt welche“, so der Kultur-Veranstalter. Das Fest solle auch „ein Anfang sein, vielleicht, um neue Freundschaften zu schließen“, heißt es im Programmheft, daneben steht ein auf Arabisch verfasster Willkommensgruß. Die Herbergssuche geht derweil in ganz Europa weiter.

Homeless-Programm und Hintergrund

Liturgische Feier: Am Freitag (18. 12.) eröffnet eine Prozession das Fest. Ab 19 Uhr spielen Salah Ammo und Peter Gabis syrische Musik im Treibhaus-Garten, ab 20 Uhr stehen u. a. Hamid Baroudi & Caravon to Bagdad unterm Volksgarten auf der Bühne. Ab 21 Uhr geht es im Turm weiter, wo Shantel & Bucovina Club Orkestra grenzüberschreitend Party machen.

Predigt aus Traiskirchen: Der Samstag steht im Zeichen der „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Afrika. Als Open Air sind Insingizi Moulu Band aus Zimbabwe zu hören. Ab 20.30 Uhr spielen die Syrian Links im Turm, der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, hält eine „Predigt“. Mit N’Faly Kouyate & African Highlife geht der Abend im Turm Richtung Höhepunkt.

Hintergrund: Das Festival entstand in Zusammenarbeit des Treibhaus-Teams mit den „Freedomseekers“, einer Organisation hinter welcher Personen mit Fluchthintergrund sowie deutschsprachige Unterstützerinnen stehen. Die Grundidee der „Freedomseekers“ ist die Selbstorgansiation von Flüchtlingen, ihnen einen Raum zum Ausdruck und zur Verwirklichung von Projekten zu geben - kultureller, künstlerischer, gesellschaftlicher oder politischer Art. Die Idee zum Fest „Homeless“ ist, das Flüchtende die einladenden Personen sind, dass Musik aus ihren Ländern gespielt wird und das es ein Fest der Begegnung, des miteinander Feierns wird.