Letztes Update am Mi, 25.05.2016 16:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Hardcore-Abenteuer in Russland: Tiroler Band auf Tour ihres Lebens

Zehn Konzerte spielte die Melodic-Hardcore-Band „Tripsitter“ gemeinsam mit dem Songwriter Jo Stöckholzer auf ihrer Russland-Tour. Der Fan-Ansturm kam unerwartet und war deshalb umso schöner. Heute Abend treten „Tripsitter“ mit den „White Miles“ im Weekender in Innsbruck auf.

© TripsitterMit ihrem pinken Tourbus und Fahrer Sascha tingelten Meinhard Taxer (Gesang, Gitarre), Hubert Halder (Bass), Christopher Jais (Gitarre), Alex Farnik (Schlagzeug) und Special-Guest Jo Stöckholzer (Gesang) rund 4.000 Kilometer durch den Westen Russlands.



Von Simon Hackspiel

Innsbruck – Dubna, Bryansk, Tambow oder Tula: Städte, die alle deutlich größer sind als Innsbruck, von denen hierzulande jedoch kaum jemand je gehört hat. Aber so mancher Fan der härteren Tonart in diesen Städten hat von Tripsitter gehört, einer Melodic-Hardcore-Band aus dem Wipptal. Und ehe sie sich‘s versahen, saßen die vier jungen Musiker und ihr Special-Guest Jo Stöckholzer diesen April in einem pinken Bus und tingelten damit von einer westrussischen Stadt zur nächsten. Das Publikum kam in Scharen zu den insgesamt zehn Konzerten, mehrere Gigs waren fast ausverkauft. „Unglaublich eigentlich“ - dieser Halbsatz fällt beim TT-Gespräch mit Sänger und Gitarrist Meinhard Taxer, Bassist Hubert Halder und Liedermacher Jo Stöckholzer - der extra für die Tour zur Band gestoßen war - immer wieder. Die Jungs können selbst noch kaum fassen, was sie im letzten Monat erlebt haben.

Aber wie kam es eigentlich zu dem Hardcore-Abenteuer in Russland? „Die Szene ist recht groß, im Vergleich zu Österreich. Und ein russischer Promoter, der eine Hardcore-Website mit 150.000 Followern betreibt, hat unsere Youtube-Videos verlinkt“, erklärt Taxer. „Die auf Osteuropa spezialisierte Agentur EG Booking machte uns darauf aufmerksam und leitete alles für die Tour in die Wege.“

„So etwas haben wir noch nie erlebt“

Die Eiseskälte bei der Ankunft in St. Petersburg war schnell vergessen, als die Tiroler die Bühne im dortigen „MOD Club“ in Beschlag nahmen. Rund 400 Fans waren aus dem Häuschen. „Die Leute haben unsere Lieder mitgesungen, danach fragten sie um Selfies und Autogramme. So etwas haben wir noch nie erlebt“, erzählen die Bandmitglieder mit glühender Begeisterung. Ähnliche Szenen spielten sich bei den weiteren Konzerten ab. Stöckholzer erinnert sich besonders gerne daran, wie das Publikum das Lied „Tut gut“ - das er erst vor kurzem mit Tripsitter eingespielt hat – versuchte auf Deutsch mitzusingen: „Nach der Show sagte ein Mädchen zu mir, dass allein die Emotionen sie zu Tränen gerührt hätten.“

Emotionsgeladene Musik ist auch die zentrale Verbindung von Stöckholzer und Tripsitter, wenngleich die Kollaboration zunächst nicht sehr logisch erscheint. Deutschsprachige, akustische Lieder auf der einen, schreiender Melodic-Hardcore mit englischen Texten auf der anderen Seite. „Ich hatte mit dem Sound von Tripsitter nicht‘s am Hut, aber als ich sie das erste mal live sah, riss es mich einfach mit“, beschreibt Stöckholzer den Findungsprozess. Umgekehrt waren auch die Tripsitter-Jungs von dem Songwriter „stets fasziniert“. Vor einem Jahr kam die Kooperation dann ins Rollen.

Debütalbum in Planung

Während der erfolgreichen Russland-Tour hat sich die Freundschaft gefestigt, die nun auch musikalisch weitere Früchte tragen soll. Möglicherweise wird Stöckholzer auch auf dem ersten Tripsitter-Album zu hören sein, das derzeit im Entstehen ist. Kommenden Herbst haben Tripsitter eine Europa-Tour geplant, nächstes Jahr will die Band erstmals in den USA aufspielen. Eines von Stöckholzers Highlights ist heuer der Auftritt beim Wiesenrock in Wattens.

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Fünf Fragen an: Tripsitter (Sänger/Gitarrist Meinhard Taxer, Bassist Hubert Halder) und Jo Stöckholzer

Ihr seid fast zwei Wochen durch Russland getourt. Was waren eure einprägsamsten Eindrücke von dem Land?

Stöckholzer: Der erste Eindruck war ziemlich schräg, am Flughafen St. Petersburg herrschte Totenstille, obwohl sicher mehrere hundert Leute da waren. Dann hat uns unser Fahrer Sascha, ein richtiger Bär, mit dem pinken Bus abgeholt. Auch sehr schräg, aber witzig.

Halder: Die Russen fahren richtig kriminell. (lacht) Insgesamt war die Tour sicher unser größtes Abenteuer als Band überhaupt.

Taxer: Es hat so viele verrückte Momente gegeben, aber alles wollen wir hier wirklich nicht erzählen. Jedenfalls stimmt das Klischee, dass man immer Wodka trinken muss. Oft aus reiner Höflichkeit. Irgendwann wird das etwas anstrengend. Wir waren teilweise schon in eigenartigen, verwahrlosten Gegenden. Vor allem bei unseren zwei Garagen-Gigs war rundherum viel Armut zu sehen.

Wie seht ihr die Hardcore-Szene in Tirol?

Halder: Man findet sich ab damit. Aber in Österreich ist die Musikindustrie in diesem Bereich sehr unterentwickelt. Es gibt kaum Labels und Studios für diesen Sound. Man muss sich eher am Ausland orientieren. Wir haben ein kleines Label in Verona, wo wir eine EP produziert haben. Auch das Album wollen wir dort machen und dann nach einem größeren Label suchen.

Wie entwickelt sich der Hardcore-Bereich insgesamt?

Halder/Taxer: In den 90ern hat sich klassischer Hardcore speziell in den USA entwickelt. Der melodische Bereich kam in den letzten fünf Jahren dazu und hat einen regelrechten Boom ausgelöst. Wir möchten in Zukunft nicht mehr unbedingt in dieser Melodic-Schublade bleiben und mehr einen eigenen, für uns charakteristischen Sound kreieren. Mit dem Song „Metamorphose“ und dem Video dazu, haben wir einen großen Schritt in diese Richtung gemacht. (Zum Video: www.youtube.com/watch?v=dWnunoZxzZA )

Was charakterisiert den Song?

Taxer: Es ist eine tragische Liebesgeschichte, wie die meisten unserer Songs. Wir waren mit dem Video zunächst unsicher, da es für das Genre sehr eigenartig ist. Den Sinn soll jeder für sich selbst erkennen. Oft schreibt man einen Text und kommt erst danach drauf, was man selbst damit gemeint hat. Es bricht aus einem raus und erst später kann man es zuordnen. Bei mir ist es schon auch das Schreien. Wenn ich das nicht hätte wäre ich ein grantiger Teufel. (lacht)

Hardcore lebt ja auch vom Schreien. Wie belastend ist das für die Stimme?

Taxer: Bei den ersten ersten Proben ist mir schwarz vor Augen geworden nach zwei Nummern. Aber innerhalb von zwei Jahren habe ich eine sehr laute Schreistimme entwickelt. Ich habe das Glück, dass ich kaum heiser werde. Singen und Schreien live zu verbinden ist sehr schwierig, wegen der unterschiedlichen Lautstärken. Damit tue ich mich immer noch manchmal schwer.


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