Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.06.2016


Biennale

Geduldsproben und neue Räume

Bei der Münchner Biennale für neues Musiktheater unter neuer Leitung überzeugten eher die kleinen Projekte. Eine Bilanz.

Szene aus „Speere Stein Klavier“, von Genoel von Lilienstern und Christian Grammel, uraufgeführt bei der Münchener Biennale.

© A.T. SchaeferSzene aus „Speere Stein Klavier“, von Genoel von Lilienstern und Christian Grammel, uraufgeführt bei der Münchener Biennale.



Von Jörn Florian Fuchs

München – Eher verhalten begann die erste Ausgabe der neuen Biennale-Leiter Daniel Ott und Manos Tsangaris. Der irische Komponist David Fennessy widmete sich Werner Herzogs legendärem Klaus-Kinsky-Streifen „Fitzcarraldo“, genauer, Herzogs während der Entstehung geschriebenen Tagebüchern. Herausgekommen ist ein musikalisch pittoreskes, szenisch sehr nebulöses und leider wenig griffiges Stück.

Auch Simon Steen-Andersens am Eröffnungsabend gezeigte Arbeit enttäuschte. Der Däne zählt zu den interessantesten Analytikern seiner Zunft, gern denkt er auf kunstvolle und zugleich sinnliche Weise darüber nach, was es eigentlich bedeutet, neue Musik zu schreiben. Für München entwickelte Steen-Andersen eine Mischung aus Diskurstheater, kleinen Szenen und Lichtinstallationen – das alles trägt eine gute Stunde, doch der Abend dauert geschlagene 135 Minuten und lähmte zunehmend Publikum wie Personal auf der Bühne. Folgevorstellungen seien deutlich kürzer und prägnanter gewesen, war zu erfahren. Nun ist die Biennale zwar ein Labor, aber zur Premiere sollten die Werke dann doch bitte fertig konzipiert und geprobt sein!

Überhaupt waren die größeren Formen diesmal eher schwach. Brigitta Muntendorf schuf für den fulminanten Münchner Knabenchor tolle, sphärisch-ätherische Klänge, die das Müller’sche Volksbad durchwehten. Ja, das war tatsächlich eine Oper im Schwimmbad! Nur leider geriet die Handlung rund um den Knabengesang eher dünn. Eine Pubertäts-Kurzgeschichte von David Foster Wallace diente als Vorlage und das Über-Setzen vom Buch ins Bad erschöpfte sich rasch, vor allem durch langweiliges Textaufsagen mäßiger Schauspieler.

Dagegen konnte die Uraufführung „Speere Stein Klavier“ vollauf überzeugen. Komponist Genoël von Lilienstern und Regisseur Christian Grammel schufen ein virtuoses Erinnerungs- und Reflexionstheater, das unter anderem die Rolle von Carl Orff und Werner Egk im Dritten Reich untersucht. Man sieht ein ungemein präzise geführtes Ensemble, hört alte Lieder und große symphonische Passagen, Geräusche, Fragmente. Manches wurde eigens komponiert, anderes wird per Band zugespielt. Ästhetisch ist das irgendwo zwischen Christoph Marthaler und Alexander Kluge angesiedelt. Mehrfach kodiert von Lilienstern die Dinge um, er ‚überführt‘ zum Beispiel einen Marsch, den Werner Egk für die Hitlerjugend geschrieben hat, in einen lieblich harmlosen Schlager. Und er vertont zentrale Zeilen aus Richard Wagners Kampfschrift „Das Judenthum in der Musik“ – ergreifend und zugleich grauenerregend ist das, eine Verbindung aus Schönklang und bedrohlichen Chorbögen.

Fast durchgehend stark waren die kleineren Projekte. Man konnte nächtens an die Isar wandern und wurde dort von Cathy van Ecks betörender Jenseitsmusik empfangen. Irgendwann klingelte das Telefon, die Unterwelt war dran und störte. „Phone Call to Hades“ hieß das Ganze. Sensationell geriet eine Performance, bei der ein angriffslustiges Skateboard halb München per Film, aber auch real, unsicher machte. Mehrere Installationen boten unberechenbare, offene Situationen, toll zum Beispiel „Mnemo/scene: Echos“ von Pauline Beaulieu und Stephanie Haensler. Hier flanierte man durch diverse Räume voller Töne und Geschichten, irgendwann verdichtete sich alles zu einem rund zwanzigminütigen Konzert, danach begegnete man den Klängen wieder in ‚ihren‘ Räumen. Eine Reminiszenz an gelebtes Leben, verflossene Zeit und nebenbei auch noch an Robert Schumann – intelligent, intensiv und ausnahmsweise auch mal streckenweise regelrecht kulinarisch.