Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.10.2016


Volksmusikwettbewerb

Die jungen und guten Saiten der Volksmusik

Das Zusammenspiel von rund 500 Musikanten stand im Mittelpunkt des 22. Alpenländischen Volksmusikwettbewerbs an diesem Wochenende.

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© Thomas Boehm / TT



Von Marco Witting

Innsbruck – Ein Moment Stille. Gerade hatte Isabelle ihre Hand auf die Zither gelegt. Gleichzeitig dabei gelächelt. Alles gut gegangen – war daraus abzulesen. Mit dem tosenden Applaus des Publikums, das registriert hatte, dass das Lied aus war, wurde aus dem Lächeln ein Strahlen. Das rasch alle fünf Mitglieder des Kärntner Saitengsponns erfasst. Und das Strahlen in den Augen hörte auch nicht auf, als die Musikanten den Saal Strassburg im Congress Innsbruck verlassen hatten. Die „Bravo“-Rufe des Publikums hallten sichtbar nach. Sie lächle beim Spielen eigentlich immer, sagte Isabelle kurz darauf. „Weil es einfach so cool ist, zusammenzuspielen.“

Ein Satz, den man von allen Seiten hört. Das Zusammenspiel der Musikanten, es steht im Mittelpunkt des 22. Alpenländischen Volksmusikwettbewerbs, der an diesem Wochenende in Innsbruck über die Bühne ging. 500 Musikanten aus dem gesamten Alpenraum spielten dabei. Allein. Immer auch gemeinsam. Im Wertungsspiel und im großen Saal. Aber, wenn es sich ergab, auch unterhalb des Stiegenaufgangs. So unterschiedlich Herkunft, Tracht, Dialekt unter den Teilnehmern aus sein mögen, mit einem Lächeln waren alle dabei. Selbst wenn es eigentlich auch ein Wettbewerb war.

Peter Margreiter, Chef des Tiroler Volksmusikvereins und als Veranstalter seit Mittwoch im Dauerstress, ist das ganz recht. „Es geht beim Herma-Haselsteiner-Preis in acht Kategorien um Preisgeld und eine CD-Aufnahme. Aber es steht das Zusammenspiel der Gruppen im Vordergrund.“ Man versuche den Wettbewerbscharakter deshalb im Hintergrund auch ein wenig zu relativieren. Bis zu 3000 Gäste waren an den beiden Wertungsspieltagen Freitag und Samstag im Congress. „Die Volksmusi­k boomt wie nie zuvor“, sagt Margreiter. Warum? „Es ist einfach cool“, sagt Nadj­a vom Saitengsponn. Ob sie von Gleichaltrigen deshal­b schief angeschaut werde? „Nein. Ach was.“

Ein Stockwerk weiter oben war die Stimmung bei einem jungen Teilnehmer kurzfristig nicht so locker. Als sich der junge Mann verspielte, flossen Tränen. Die Jury gewährte eine kurze Pause und sang gemeinsam mit dem Publikum den Musikanten ein wohlverdientes Ständchen. Auch so kann Wettbewerb offenbar sein.

In den 70er-Jahren wurde das Wettspiel eingeführt, um die traditionellen Lieder nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Angesichts des derzeitigen Booms scheint das unbegründet. Margreiter: „Und es wird an diesem Wochenende praktisch zwei Tage lang durchgespielt.“ Gestern stellten sich die Teilnehmer dann auch der Innsbrucker Bevölkung vor – und geigten in der Stadt auf.

Wer nicht vor der Jur­y antritt, der trifft sich im Saal Tirol – und musiziert. Natürlich. Ohne Bewertung. Ohne Verstärker. Ohne großen Auftritt. Ohne Show. Aber mit Begeisterung. Auch hier kann man eine Stecknadel fallen hören, wenn die Gruppen ihre Stücke darbieten. Drei junge Frauen aus Salzburg verzaubern das Publikum a cappella. Mucksmäuschenstill ist es, ehe auch hier der Applaus am Ende aufbrandet. Das beeindruckt auch Tobias aus der Obersteiermark. Er wird nach seinen Eindrücken gefragt. „Alle spielen verdammt gut“, sagt der junge Mann lässig ins Mikrofo­n und hat die Lacher auf seiner Seite. „Es geht nicht um die exakte Virtuosität, sondern vielmehr um das, was wir Schmiss nennen“, sagt Margreiter über die Leistungen. Leidenschaft. Emotionen, die transportiert werden. Die musikalisch Besten wurden gestern Abend bei der Abschlussfeier (bei Redaktionsschluss im Gange) ausgezeichnet. Zurück zum Kärntner Saiten­gsponn. Sie warten gerade auf ihre – mündliche – Bewertung. Der Eindruck, dass hier eine Familie musiziert, täuscht bedingt. Verwandt seien sie nicht. Eine Art Familie trotzdem. Ob sich der Ausflug nach Innsbruck rentiert hat? Isabelle lacht wieder. „Ja. Sicher. Wir sind ja schon teilweise zum fünften Mal da und freuen uns immer wieder herzukommen.“ Die Volksmusik scheint ihre junge Seite und Saiten längst gefunden zu haben.


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