Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.03.2017


Musik

Kaleidoskop des Kummers

Das vielstimmige Trennungsalbum des nunmehrigen Solo-Projektes „Dirty Projectors“.

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© Jason_Frank_Rothenberg



Innsbruck – Vor ein paar Jahren war für David Longstreth die Welt noch in Ordnung. Dirty Projectors, das Bandprojekt des Yale-Absolventen, war nicht nur in Hipster- bzw. Indie-Kreisen angesagt, Longstreth hatte damals bereits mit namhaften Fans wie Björk und David Byrne zusammengearbeitet. Mit Ersterer nahm er 2010 das Konzept-Mini-Album „Mount Wittenberg Orca“ auf. Doch nachdem Björk 2015 ihr grandioses Trennungsalbum „Vulnicura“ vorgelegt hat, folgt ihr Longstreth nun zwei Jahre später nach und verarbeitet das Liebes-Aus zwischen ihm und seiner langjährigen musikalischen Partnerin Amber Coffman auf dem selbstbetitelten Album „Dirty Projectors“. Der Name darf nach fünfjähriger Schaffenspause sowohl als Geste der Selbstbehauptung als auch der Neuerfindung verstanden werden, schließlich waren die Dirty Projectors bereits 2012 auseinandergebröckelt, die Krise mit Bandmitglied Coffman folgte wenig später.

Longstreth, künstlerisch ausgebrannt, wollte eigentlich aufhören, doch schließlich ist Dirty Projectors zum Soloprojekt mutiert. Für die neue Platte, an der er drei Jahre gearbeitet hat, ist er mehr Kollaborationen als je zuvor eingegangen. Unter anderem mit Beyoncés Schwester Solange, dem R’n’B-Star der Stunde, mit der er das reggaelastige „Cool your Heart“ verfasst hat – die weibliche Stimme in dem Song stammt von DAWN. Mit Solange hatte Longstreth zuvor bereits an ihrem gefeierten Album „A Seat at the Table“ gearbeitet.

So offen der Musiker nun – ganz aktuellen R’n’B-Gepflogenheiten verpflichtet – über den Trennungs-Höllenritt Auskunft gibt, so verfremdet die Stimme. Autotune gehört in Sachen Herzschmerz ja mittlerweile zum guten Ton, neben den Stimmwechseln von Bariton bis ins Falsett bot der Effekt dem Sänger zudem den nötigen Spielraum, um sämtliche Gefühlslagen zu untermauern beziehungsweise ihnen entgegenzulaufen. Rundherum ploppen derweil die verschiedensten Sounds auf, es blubbert, zischelt und drängt mal in die eine, mal in die andere Richtung, wie etwa in dem soulig-sanften „Little Bubble“ das von Streichern, Piano, Bläsern und Gitarre effektvoll getragen wird.

Wo die Platte, ganz dem Konzept Trennungsalbum verpflichtet, ironisch mit Hochzeitsglocken in der bitteren Anklage „Keep your Name“ beginnt, endet sie mit Orgelklängen im versöhnlichen „I See You“. Produziert wurde das vielschichtige, R’n’B-lastige Album mit all seinen Industrial- und Hip-Hop-Einflüssen von Rick Rubin. Dieser hatte Longstreth auch dazu überredet, den Bandnamen beizuhalten. Dieser Art ist eines der schönsten Dirty Projectors-Alben gelungen, und wohl auch eines der aufregendsten Werke der Gattung Trennungsalbum. (sire)