Letztes Update am Di, 30.05.2017 04:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Hans Platzgumer: „Der Kampf war politischer“

Schriftsteller und Musiker Hans Platzgumer über einstige Innsbrucker Orte der Gegenkultur, galoppierende Kommerzialisierung und die eigene Besessenheit.

© TT/Julia Hammerle"Es ist die Frage, ob es eine Subkultur heute überhaupt noch gibt": Hans Platzgumer.



Innsbruck – Als 17-jähriger Innsbrucker Punk macht er mit seinem Debütalbum „Tod der CD!“ eine Kampfansage, in New York wird er mit H. P. Zinker zur gefeierten Rockgröße, arbeitet in Tokio, Los Angeles und anderen Metropolen an unterschiedlichsten Musikprojekten. Das ist das frühere Leben des 1969 in Innsbruck geborenen Hans Platzgumer. Längst macht er im Literaturbetrieb von sich reden. Die „Reise durch den Underground“ war für den Weg zum Schriftsteller nicht unbedeutend.

Öffentliches Kotzen im McDonald’s, Gründung des „Clubs der Feinde der CD“: Wenn es darum ging, gegen das gesetzte bürgerliche Umfeld zu protestieren, waren Sie im Innsbruck der frühen 80er-Jahre recht einfallsreich – von konspirativ bis brachial, wie Sie anschaulich auch in Ihrem autobiografischen Roman „Expedition“ von 2004 beschreiben.

Hans Platzgumer: (lacht) Ja, aber gesetzt war das damals ja noch gar nicht so richtig. Weil diese Dinge ja gerade erst neu aufgekommen sind. Anfang der Achtzigerjahre hat der allererste McDonald’s in Tirol eröffnet. Und das war mir sofort ein Dorn im Auge. Und die CD war ja auch ganz frisch. Auch die war mir ein Dorn im Auge. So anarchistisch und progressiv man war, war man irgendwie auch konservativ, weil man die neuen Sachen sofort verweigert hat. Eigentlich ja eine urkonservative Haltung. Das finde ich ganz witzig daran. Da könnte man lang drüber nachdenken.

Man könnte auch darüber nachdenken, dass viele Innsbrucker Subkultur-Orte dieser Zeit, sofern sie nicht verschwunden sind, längst in die etablierte Kulturszene aufgestiegen sind.

Platzgumer: Aber das ist der normale Weg. Das passiert immer. Es ist nur die Frage, wie lang es dauert. Als ich Anfang der Nullerjahre in München gelebt habe, habe ich beobachten können, wie wahnsinnig schnell das inzwischen geht, dass irgendeine neue Sache entsteht – und zwei Monate später ist sie schon komplett ausgeschlachtet und komplett durchkommerzialisiert und -optimiert. Da kommt man zur Frage, ob es eine Subkultur überhaupt noch gibt heutzutage. Oder inwieweit das nur verstreute kleine Sprengsel sind, Nischen, die dann aber insgesamt keine Wucht mehr entwickeln.

Lesung und Konzert. Im Rahmen der Ausstellung „Wir // Hier – Die sogenannte Subkultur“ liest Hans Platzgumer am Samstag, 3. Juni (15 Uhr), im Stadtmuseum aus seinem ersten Roman „Expedition. Reise eines Underground-Musikers in 540 KB“.

In den 1970er- und 80er-Jahren war das noch anders?

Platzgumer: Das hat sich sehr verändert. Es war generell der Kampf viel direkter und politischer. Man wollte anecken. Die Welt war auch einfacher zu durchschauen. Zumindest hat man so getan, als ob sie es wäre. Und dadurch sind auch die Themen, die man sich herausgegriffen hat, irgendwie klar gewesen. Die Verkommerzialisierung, das Einschränken von Freiheiten. Die Themen sind heute eigentlich die gleichen, aber es ist nicht mehr so leicht, sie auf einen Nenner zu bringen. Jugendbewegungen sehe ich heute nur sehr spärlich. Und wenn sie entstehen, werden sie sofort wieder vermarktet und kommerzialisiert.

Hat auch das Musikgeschäft daran Anteil?

Platzgumer: Das eine bewirkt natürlich das andere. Und was dabei herauskommt, ist, dass Musik als Tragmittel einer Bewegung oder Anschauung oder Rebellion keine Wucht mehr hat im Moment. Vielleicht kommt das irgendwann einmal wieder, aber heute spielt Musik eine ganz andere, viel oberflächlichere Rolle. Nämlich die der Berieselung. Sie darf nichts kosten und keinen Aufwand mit sich bringen. Es ist auch nicht schwierig, heranzukommen an die Sachen. Es bedarf nicht einmal mehr das eines Kampfes.

Wie wichtig waren für Sie als junger Musiker in Innsbruck alternative Kulturorte?

Platzgumer: Es ist total wichtig, dass man einen Platz findet, wo man sich ausdrücken und auch zusammenfinden kann. Für mich war die MK zum Beispiel ein wichtiger Ort. Weil es Proberäume gab – dadurch ist automatisch so etwas wie eine Szene entstanden. Auch Clubs wie das Komm und später das AKT waren solche Keimzellen. Fakt ist, dass meine Jugend in Innsbruck für mich prägend war. Die Untersättigung in dieser halbentwickelten Stadt, das Aufbegehren, die Tatsache, dass da auch noch andere Leute da waren, Freaks, die irgendwas verändern wollten.

Sie haben Innsbruck mit 17 verlassen ...

Platzgumer: Am Tag nach meiner Matura. Genau vor dreißig Jahren. Das muss im Mai 1987 gewesen sein.

... gingen als Musiker nach Berlin, später New York, wo Sie mit H. P. Zinker höchst erfolgreich wurden. Heute kennt man Sie als Schriftsteller – mit zunehmendem Erfolg: Ihr aktueller Roman „Am Rand“ stand letztes Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Platzgumer: Das war ein sehr langsamer Prozess, der sich seit 1999 in mir entwickelt hat. Damals hat mich die Dramaturgin des Bayerischen Rundfunks, wo ich viele Hörspiele gemacht habe als Komponist, dazu angestoßen, einmal mein Zeug, die Anekdoten von H. P. Zinker, aus Berlin, Innsbruck usw., zusammenzuschreiben, weil das ja so irre Storys seien. Also habe ich angefangen, zuerst literarisch komplett wertlos. Die Storys waren aber gut, ich hatte viel zu erzählen, habe nur nicht gewusst, wie ich es erzählen soll. Im Lauf von fünf Jahren Arbeit ist daraus dieser Roman „Expedition“ entstanden. Ungefähr nach drei Jahren ist bei mir ein Knopf aufgegangen, ich habe gemerkt, das hat einen Fluss. Das war ein wichtiger Moment.

Als ich Sie angerufen habe, um um dieses Treffen zu bitten, waren Sie gerade in Ihrem Berghaus am Pillberg bei der Arbeit. Ist das der bevorzugte Schreibort?

Platzgumer: Nur einer davon. Wenn ich am Schreiben bin, kann ich überall schreiben.

Es ist Neues im Entstehen?

Platzgumer: Es ist dauernd etwas Neues in Arbeit. Mein neues Buch ist fertig und wird im Februar erscheinen, wieder bei Zsolnay. Aber es sind auch andere Sachen in Arbeit – ich bin ein Besessener, wie vom Teufel geritten, das war auch schon früher so, da habe ich halt wie besessen meine Musik gemacht.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic