Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.12.2017


Musik

Hélène Grimaud: Lyrisch vertieft im humanen Dialog

Die außergewöhnliche Pianistin Hélène Grimaud zeigte sich in enger Orchester-Partnerschaft beim November-Meisterkonzert.

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© Matt Hennek



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Ihren Durchbruch hatte Hélène Grimaud, als sie mit 18 in Paris unter Daniel Barenboim musizierte. Eine Begegnung, die zeichenhaft erscheint: Beide, er über ein Vierteljahrhundert älter, dominiert musikalisch eine poetische, betont antivirtuose Grundhaltung. Und beide leben inzwischen ein humanistisch geprägtes Leben außerhalb der Musik.

Nun gastierte die Grimaud, gereift und öffentlich auch als Autorin, Menschenrechtsaktivistin, Tier- und Naturschützerin präsent, im Meisterkonzert. Sie spielte Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur, dessen Gedankentiefe umwegelos zu ihr zu führen scheint, und, vertiefend, Musik des seit September 80-jährigen Ukrainers Valentin Silvestrov, der seine stille Musik ohne kompositorisches Verdienst als Umformung vorhandener Schwingungen begreift.

Ein draufgängerischer Beethoven ist von Grimaud nicht zu erwarten. Sie kennt den Zugriff, den Schwung, das Vorwärtsgehen, das Passagenhafte, doch stets atmet ihr Spiel lyrische Empfindsamkeit. Die Nachdenklichkeit des ersten Satzes ist ihre, und erst recht die ausdrucksvolle Innigkeit und Reinheit, mit der das Klavier humanisierend im zweiten Satz auf die rüden Anwerfungen des Orchesters reagiert. Atemberaubend ihre Übergänge, ihre Musikalität, und wie monologisch sie in der Kadenz wird.

Sonst ist sie Teil der Mitmusizierenden, antwortet, wartet ab, gibt vor oder ordnet sich, wo andere etwas zu sagen haben, dynamisch und klanglich ins Kollektiv ein. Im Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Führung des Primgeigers Radoslav Szulc hat sie wunderbare Partner dafür, mit Perfektion, Hingabe und Brillanz, die nie Selbstzweck wird. Einen großen emotionalen Bogen spannten die Musiker rund um Beethoven und Silvestrov mit Samuel Barbers traurig fließendem „Adagio for Strigs“ und, zuletzt alle Elegie aufbrechend, mit Joseph Haydns witzig-theatralischer Symphonie in C-Dur, „Il Distratto“.


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