Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.04.2018


Musik

Standhaft im Unruhestand

Willie Nelson, der einst den „Outlaw-Country“ begründete, wird heute 85 Jahre alt. Sein neues Album „Last Man Standing“ ist dieser Tage erschienen.

© imago stock&peopleIn seinen Hochzeiten stand Willie Nelson an rund 200 Abenden im Jahr auf der Bühne. Inzwischen lässt es der Altmeister ruhiger angehen. 2018 stehen 59 Auftritte auf dem Programm.



Innsbruck – Willie Nelson ist unverwüstlich. Heute wird der Begründer des Outlaw-Country 85 Jahre alt. Vor wenigen Tagen legte er sein neues Album vor. Der Titel ist programmatisch: „Last Man Standing“. Doch er führt aufs Glatteis: Die Platte, eine Mischung aus Country und Folk, ist einigermaßen heiter und beseelt von beschwingtem Trotz. Selbst wenn es melancholisch wird, verhindern ironische Volten allzu arges Pathos.

In den USA gilt Nelson längst als Ikone – oder, in den Worten von Jack White: „Niemand steht so sehr für Amerika wie dieser Mann.“ Und dieser Mann ist alt geworden. Alt und einsam. Manchmal jedenfalls. Im Titelsong „Last Man Standing“ trauert er jenen nach, die nicht mehr sind, Freunden, Weggefährten, Nervensägen.

„Maybe we’ll meet again on the other side“, singt er. Und dass er nicht der „Last Man Standing“ sein wolle, sondern lieber anderen den Vortritt lassen möchte. Nur um seine Ansichten gleich wieder zu ändern: Vielleicht ist es doch besser, der letzte Aufrechte zu sein. Einer muss ja der Letzte sein.

Geboren wurde Willie Nelson 1933 irgendwo im texikanischen Niemandsland. Und wie jeder Texaner, der etwas auf sich hält, wollte Nelson Cowboy werden. Als sich abzeichnete, dass die Zeit der Cowboys vorbei war, wurde Nelson Musiker. Kein besonders erfolgreicher. Einer von vielen, die es in den 1950er- und 1960er-Jahren in Nashville, der Hochburg des Country, versuchten. Nelsons Alleinstellungsmerkmal: Er verstand Takt als ungefähre Orientierung, quetschte und zerdehnte die Silben. So wollten das die Reinheitsgebotler in Nashville nicht hören. Seine erste Profi-Gitarre hat ein Betrunkener zerschlagen. Die zweite besitzt er noch heute. Er hat sie „Trigger“ getauft. So hieß das Pferd jenes Filmcowboys, der ihn als Kind das Staunen lehrte.

In Fahrt kam Nelsons Karriere, als er nach zwei gescheiterten Ehen Nash­ville Nashville sein ließ – und ins ungleich liberaler­e Austin übersiedelte. Der Durchbruch gelang 1975. Das Album „Red Headed Stranger“ wurde ein riesiger Erfolg und „Blue Eyes Crying in the Rain“ seine erste Single an der Spitze der US-Charts.

In den kommenden Jahrzehnten besang Nelson das Lebensgefühl der USA („On the Road Again“), schürte den Cowboy-Mythos („Beer for My Horses“), bezirzte die Frauen („Always on My Mind“), spielte in einer Handvoll Filmen mit, setzte sich für die Rechte von Bauern und die Legalisierung von Marihuana ein.

Nelson machte Millionen, pfiff auf die Steuer, zoffte sich aufsehenerregend mit dem Finanzamt – und zahlte letztlich rund neun Millionen Dollar nach. Seinem Ruf als „Outlaw“, als einer, der sein Ding durchzieht, hat das nie geschadet. Im Gegenteil: Willie, der sanfte Revoluzzer, der gütige Gesetzlose, der seit Jahrzehnten unablässig auf Tour ist.

Bis zu 200-mal im Jahr stand er in seinen Hochzeiten auf der Bühne. Inzwischen sind es noch immer gut 60 Konzerte, die er im Jahr gibt: große Hallen, kleine Clubs, Festivals, egal. Hauptsache, es findet sich ein gut sichtbarer Parkplatz für „Honeysuckle Rose“, Nelsons legendären Tourbus, sein Raucherkammerl auf Rädern. „Honeysuckle Rose“, so hieß auch ein Country-Cinema-Rührstück aus dem Jahr 1980. Nelson spielt darin einen singenden Glückssucher – und schrieb dafür seinen Überhit „On the Road Again“. Der klingt auch auf „Last Man Standing“ an: Im Song „Me and You“ bieten zwei alt gewordene Freunde ein letztes Mal der Welt die Stirn. Und die Hobo-Hymne gibt den Takt dazu an.

Doch neben dem Melancholischen besingt Willie Nelson auf seinem neuen, insgesamt 70. Album auch ganz Alltägliches: Mundgeruch in „Bad Breath“ oder den Feierabend am Freitagabend in „Ready to Roar“.

Das schönste Lied der Platte, „Heaven Is Closed“, ist ganz schwelgerischer Country – und eine fast zu glatt produzierte metaphysische Versuchsanordnung: Ist der Himmel auf Erden im Grunde die Hölle und alles Höllische vielleicht ein Wink des Himmels? Oder wird doch nur zu viel Wind um wenig gemacht? Sei’s drum: „Heaven is closed and hell’s overcrowded, so I think I’ll just stay where I am.“ Willie Nelsons Bekenntnis zum standhaften Unruhestand ist so herausfordernd gelassen, so abgebrüht und trotzdem gewaltig nah an großer Gefühlsduselei, dass man es eigentlich nicht nicht mögen kann. (jole)




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