Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.06.2018


Innsbruck

“Heart of Noise“: Angewandte Techno-Künste im Treibhaus

Techno-Granden feuern im Innsbrucker Treibhaus intensiven Heart-of-Noise-Auftakt an.

© Daniel Jarosch



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Als Juan Atkins 1983 den Begriff „Techno“ auf seine Plattencovers drucken ließ, ahnte er vermutlich nicht, dass er mit seinem Werk auch den synthetischen Sound der Zukunft mitprägen würde. Zuvor ebneten europäische Namen wie Depeche Mode, New Order oder Kraftwerk den Weg in die Welt maschinell erzeugter Klänge – Bands, die Atkins dank des legendä­ren DJ The Electrifying Mojo kannte und schätzte. Letzterer sprengte auf dem Detroiter Radiosender WJLB sämtliche Airplay-Konventionen, indem er Zeitgenössisches aus Europa, aber auch afroamerikanischen Funk und Soul in seinen Sendungen spielte, obwohl diese Genres aufgrund schwelender Rassenkonflikte partout nicht zusammengehörten.

Der Detroiter Szene war das herzlich egal – hier lag der Fokus auf Musik, egal ob weißer oder schwarzer Herkunft. Somit passt Atkins’ Werk ausgezeichnet zum diesjährigen Heart-of-Noise-Motto „decocooning society“: Grenzen verschwimmen und machen Platz für Neues. Im speziellen Fall von Detroit fanden unterschiedliche Elemente zu einer einzigartigen Formsprache zusammen: Die Industriemetropole litt Anfang der Achtziger unter der damaligen Rezession, was sich vermehrt in weniger privilegierten Gesellschaftsschichten bemerkbar machte.

Musikalisch äußerte sich die krisenbedingte Tristesse in düsteren, dumpfen und dennoch kräftigen Technoklängen, die gleichzeitig auch die Jazz-, Funk- und R’n’B-Vergangenheit der Stadt miteinfließen ließen. Produziert wurden diese allerdings maschinell, erklärt der Heart-of-Noise-Veranstalter Chris Koubek: „Neue, einfache Roland-Drum-Maschinen und Rhythmuscomputer waren damals kreiert worden, um in der Funk-Szene die Band zu ersetzen. Diese maschinell erzeugten Sounds wurden für Techno variiert und weiterentwickelt, daher auch der Name.“

In den folgenden Jahrzehnten eroberte das neue Genre die internationalen Szenen und begeisterte auch am Mittwochabend das Festivalpublikum im Treibhaus. Den Anfang machte die Elektrolegende Heinrich Müller alias Arpanet mit seinem Kraftwerk-lastigen Soundteppich, der mitunter an Horrorfilmsoundtracks der Achtzigerjahre erinnerte. Dann folgte Glenn Underground mit intensiven Funk-Soul-Jazz-House-Klängen aus Chicago. Der Auftritt von Juan Atkins krönte den Eröffnungsabend des Heart of Noise. Das Festival hat sich dank avantgardistischer Inhalte zum internationalen Geheimtipp etabliert und läuft noch bis zum 2. Juni.