Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.06.2018


Musik

Im Bauch des Binnenmeeres

„Tiefer Schweb“: Christoph Marthalers graue Beamte als Festwochen-Gäste.

© thomas_aurinHammond-Orgel und Kachelofen in 243 Metern Tiefe: Bei Christoph Marthaler feiert absurde Komik fröhlich „Welt unter“.Foto: Thomas Aurin



Von Bernadette Lietzow

Wien – Am Ende regieren Holzlatten und Stacheldraht: Der getäfelte Sitzungssaal wird von den Mitgliedern des „Fachgremiums“ verbarrikadiert. Martin Luthers „Ein feste Burg“ ist da schon verklungen, Marthaler-Urgestein Ueli Jäggi versuchte sich bereits, begleitet von drei Hammond-Orgeln, an Procul Harums „A Whiter Shade of Pale“, die nur kurz das Anzuggrau ablösende Trachtenkleidung landete im Kachelofen.

Willkommen im Universum des Schweizers Christoph Marthaler, des Erfinders eines Theaters der gelassenen Langsamkeit. „Tiefer Schweb“ nennt sich sein neuestes in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf und dem Ensemble entwickeltes Stück, uraufgeführt im Juni vergangenen Jahres an den Münchner Kammerspielen und nun Festwochen-Gast am Theater an der Wien. Im „Auffangbecken von Christoph Marthaler“, so der Untertitel, erhält der sattsam bekannte Begriff „U-Ausschuss“ eine neue Bedeutung. Schließlich sind die acht handelnden Personen Mitglieder eines „Unterwasser-Ausschusses“, der am tiefsten Punkt des Bodensees Sicherheitsaspekte und die Zukunft des Binnenmeeres geheim verhandelt. An der Oberfläche hausen elend Flüchtlinge auf ehemaligen Ausflugsschiffen, Bakterienstämme haben vom Seewasser Besitz ergriffen, in der „tiefen Kammer“ gebietet am gemütlichen Bauerntisch paradoxer Beamtenfleiß.

Hin und wieder wird die Luft knapp und alle torkeln schnappend in Zeitlupe durch Duri Bischoffs tolle Bühnen-Stube, die sich dann und wann öffnet, um den Blick auf unzählige Wasserkanister oder in eine Art Musikzimmer freizugeben.

Im Kanzlei-Ton schwingen sich die Darsteller in die lichten Höhen abwegiger Verwaltungsideen, Schikaneders „Zauberflöte“-Libretto ist Prüfungsstoff im Einbürgerungsverfahren für den „Illyrer Tamino“, den Hassan Akkouch großartig schuhplattelnd verkörpert. Seine Mitstreiter, Olivia Grigolli, Annette Paulmann oder Walter Hess, Raphael Clamer, Jürg Kienberger und Stefan Merki, geben sich, wie der erwähnte Ueli Jäggi, mit spürbarer Lust und fulminantem Körper- und Stimmeinsatz diesem musikalischen Theaterabend im Zeichen des Absurden hin.

Hinter der Komik lauert der Abgrund, da wird mittels scheinbar sachlicher Beamtensprache und Heimatliedern wie „Fein sein, beinander bleiben“ die Abgrenzung untermauert. Trotzdem darf und muss gelacht werden. Begeisterter Applaus nach zwei Stunden unter Wasser.