Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Bezirk Kitzbühel

Die unerhörte Leichtigkeit des Liebesleids

Elina Garancˇa lud zum sechsten Mal zu „Klassik in den Alpen“ nach Kitzbühel – und bot mit Anna Pirozzi und Gregory Kunde vokale Kunst der Sonderklasse.

© NeumayrStimmmächtig: Gregory Kunde, Elina Garanca und Anna Pirozzi bei der sechsten Auflage von „Klassik in den Alpen“.



Kitzbühel – Der sorgenvolle Blick gen Himmel blieb den Besuchern von „Klassik in den Alpen“ am Samstag erspart: Der Abend war klar, wenn auch zu späterer Stunde etwas klamm. Doch selbst das ließ das Symphonieorchester der Volksoper Wien unter Karel Mark Chichon vergessen: In der zweiten Programmhälfte gab man durchwegs Melodien aus südlichen Gefilden zum Besten. Ein Ausnahmeklangkörper – das Orchester wurde kürzlich mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet – versteht sich bisweilen auch aufs vermeintlich leichte Fach, auf Ary Barrosos „Aquarela do Brasil“ oder den mexikanischen Dauerbrenner „Cielito Lindo“. Und vokal bewies der zweite Teil des Abends, dass sich selbst Unterforderung zur klanggewaltigen Tugend ausgestalten lässt: Elina Garancˇa, zum sechsten Mal Gastgeberin in Kitzbühel, machte aus dem Zarzuela-Evergreen „Canción Espan˜ola“ eine zarte Studie melancholisch gefärbter Freude, und auch die von Garancˇa geladenen „Friends“, die Sopranistin Anna Pirozzi und der Tenor Gregory Kunde, veredelten Gassenhauer, wie das einst von Caruso zum Welterfolg geschmetterte „Core ’ngrato“.

Vor der mitreißenden Beschwörung von Latino-Rhythmen allerdings galt es für „Garancˇa and Friends“, formvollendet zu sterben: Die erste Hälfte von „Klassik in den Alpen“ war ganz dem dramatischen Fach gewidmet. Erdenschwer geriet das Leiden an Leben und Liebe allerdings nie. Die Herz-Schmerz-Arie „Acerba voluttà“ (aus „Adriana Lecouvreur“) etwa entwickelte Elina Garancˇa zum Selbstbehauptungsversuch einer Zurückgewiesenen – und mit dem Duett „O soave fanciulla“ (aus „La Bohème“) gelangen Kunde und Pirozzi die innigsten Momente des Abends.

Traditionell beschlossen wurde „Klassik in den Alpen“ mit „Schenkt man sich Rosen in Tirol“. Womit sich diesmal auch ein dramaturgischer Bogen schloss. Denn an den Beginn des Konzertes stellte Karel Mark Chichon die mächtige Overtüre von Giuseppe Verdis „Luisa Miller“. Verdi und sein Librettist Salvatore Cammarano haben sich für das „Melodramma tragico“ Schillers „Kabale und Liebe“ zum Vorbild genommen – die Handlung des Trauerspiels allerdings in die Tiroler Berge verlegt. (jole)