Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.07.2018


Musik

Wie herrlich kann doch eine „Quetschn“ klingen

Viviane Chassot beantwortete bei den Erler Festspielen eindrucksvoll die Frage, ob Wolfgang Amadeus Mozart für Akkordeon komponiert hätte.

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© Peter Kitzbichler



Von Wolfgang Otter

Erl – Darf sie das? Es war die erste Frage, die man sich am Montagabend im Erler Festspielhaus stellte. Darf eine Musikerin ein bekanntes Klavierkonzert (F-Dur, KV 413) von Wolfgang Amadeus Mozart nehmen und es gemeinsam mit einem Streicherquartett (und Kontrabass) mit dem Akkordeon aufführen? Denn, so gab die gleichermaßen sympathische wie hervorragende Musikerin Viviane Chassot augenzwinkernd zu, es ist „nicht ganz“ original für Akkordeon geschrieben.

Immerhin hat Mozart das erste Instrument dieser Art (um 1829) nicht erleben dürfen. Nun zählen Klavier und Akkordeon beide zu den Tasteninstrumenten, aber das war es dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Das erste gehört zu den Chordophonen (also Saitenklingern) und das zweite zu den Aerophonen (also Luftklingern), und dazwischen liegen eben klangtechnisch gesehen Welten.

Die Antwort auf diese Frag­e gab dann die Schweizerin Viviane Chassot gemeinsam mit Helene Winkelman und Manuel Oswald (Violine), Lea Boesch (Viola), Elisa Sibe­r (Violonchello) und Winfried Holzenkamp (Kontrabass) musikalisch. Und die hätte nach wenigen Minuten des Zuhörens nicht entschiedener ausfallen können: Ja, Chassot, und besonders sie, darf das.

Mozart, der immerhin ein sehr experimentierfreudiger Komponist war, wie unter anderem seine Werke für Glas-Harmonika und Uhr-Orgelwerk beweisen, hätte sich vermutlich mit viel Vergnügen auf dieses Instrument gestürzt. Es bietet auch eine unglaubliche Vielfalt an Klangfarben. Chassot machte nicht den Fehler zu versuchen, ein Klavier zu imitieren, sie spielte Akkordeon – und wie sie das spielte. Mit feinsten Läufen und nötiger Breit­e. Das ließ einen das Klavier glatt vergessen. Immer fein zurückhaltend, oder im „Orchesterteil“ Klangfülle entwickelnd, begleitet von den Streichern. Da war bald klar, es sitzen Meisterinnen und Meister ihres Faches auf der Bühne.

Mit Mozart war der Ausflug in die Wiener Klassik aber vorbei. Der im Programmheft versprochene Josef Haydn war gestrichen und bei Antonin Dvoráks Bagatellen op. 47 und Béla Bártoks Rumänischen Volkstänzen war das Akkordeon weniger exotisch anmutend als noch zuvor. Dvorák hatte das ähnlich klingende Harmonium eingeplant und bei Bártok unterstrich das Akkordeon das Volksmusikhafte. Es war zugleich der große Auftritt der mitreißend spielenden Violinistin Helene Winkelman und Überleitung zu einer anderen Klangwelt: zu Marcelo Nisinmans Sr. Tango. Das Werk ihres Schweizer Landsmannes führte Chassot an die Grenzen des Akkordeons, zeigte aber auch dessen Einmaligkeit auf. Vom feinsten Pfeifen bis zum Klangcluster ließ die Solistin mit den Streichern einen intensiven spannungsgeladenen Harmonieteppich entstehen, bevor es zum Abschluss den Großmeister des Tangos gab: Astor Piazolla. Da dachte man nur noch: Wie herrlich kann doch eine „Quetschn“ klingen!


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