Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.08.2018


Musik

Vivaldi-Fieber im tropischen Gewächshaus

Das Ensemble „Armoniosa“ konzertierte meisterhaft nach barocken Vorlagen. Unerträglich war aber die Hitze im Spanischen Saal.

© Kathrin ToldDas Quintett „Armoniosa“ bot einen mitreißenden Querschnitt barocker Musik.Foto: Innsbrucker Festwochen/Kathrin Told



Von Markus Schramek

Innsbruck – SOS! Wer hat die Königsidee, wie man den Spanischen Saal im Schloss Ambras des Sommers wenigstens halbwegs herunterkühlen kann? Ohne Schäden an der historischen Substanz? Bitte dringend melden, am besten gleich bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Diese veranstalteten Dienstagabend das 4. Ambraser Schlosskonzert der Saison.

„Vivaldi-Fieber“ – so der Titel des Programms. Ein kleiner Schelm, der sich dieses Motto hatte einfallen lassen? Denn kurz nach Betreten des tropisch-schwülen „Gewächshauses“ Spanischer Saal klebte selbst sommerlich leichte Garderobe schon gnadenlos am Körper. „Heiß“ war für die Atmosphäre gar kein Ausdruck. Das Publikum im ausverkauften Konzertgeviert fächelte und hechelte sich tapfer durch den Abend.

Auf der Bühne, wie schon bei den drei Konzerten zuvor, Musiker der Kategorie „Top of the list“: das versierte Fünf-Mann-Ensemble Armoniosa aus Asti im Piemont. Auf alten Instrumenten, manches im Original, anderes diesem getreu nachgebaut, bot das Quintett ein mitreißendes Zwei-Stunden-Feuerwerk der barocken Art.

Der Venezianer Antonio Vivaldi (1678–1741) war schon zu Lebzeiten als Komponist und Musiker eine Legende. Kopien seiner Noten und Partituren erfreuten sich größter Nachfrage. In Europa war Vivaldi en vogue. Natürlich im (heutigen) Italien, wo Komponisten wie Carlo Graziani (gestorben 1787) die Nachfolge antraten. Aber auch Johann Sebastian Bach (1685–1750) in Leipzig zeigte sich beeindruckt: Er wandelte Streicherkonzerte Vivaldis in solche für Tasteninstrumente um.

Nicht weniger virtuos widmet sich heute das Quintett Armoniosa, mit dem Brüderpaar Cerrato als Dreh- und Angelpunkt, den barocken Vorlagen. Eigene Arrangements der großen Vorbilder prägten den Konzertabend.

Unfassbar ist die hohe Spielkunst von Francesco Cerrato auf der Geige. Scheinbar mühelos entlockt er seinem Ins­trument schwierigste Solopassagen. Sein Bruder Stefano am fünfsaitigen Cello lässt im wahrsten Sinne des Wortes auf-horchen: Wunderbar präzise und feinfühlig ist sein Spiel. Daneben sorgt Marco Demaria am Continuo für das rhythmisch-feurige Rückgrat. Und die beiden Tasten-Fexen Michele Barchi (Cembalo) und Daniele Ferretti (Orgel) ergänzen – im Hintergrund, aber doch sehr präsent – eine formidable Klangkulisse.

Barockmusik vermag es, direkt die Herzen der Zuhörer anzusprechen. Phasenweise würde man, wenn es nicht so störend wäre, am liebsten mitklatschen oder seiner Begeisterung auf andere Weise Ausdruck verleihen. Mit den Füßen mitwippen kann man immerhin. Sieht ja keiner.