Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.08.2018


Innsbrucker Festwochen

Musikfund für Liebes- und Machtspiele

De Marchis Opernentdeckung der Innsbrucker Festwochen gilt Mercadantes „Didone“. Dafür Jubel mit ein paar Buhs für Regisseur Flimm.

© LarlViktorija Miskunaité als unglückliche Königin Didone, untergehend in ihrem Karthago.Foto: Festwochen/Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Mit „Didone abbandonata“ stellt Festwochenintendant Alessandro De Marchi ein vergessenes Werk vor und schlägt eine überblätterte Seite der Operngeschichte auf. Denn der Komponist Giuseppe Saverio Mercadante (1795–1870), heute nicht mehr wahrgenommen, schlug die Brücke zwischen Rossini, Bellini, Donizetti und in der Folge dem frühen Verdi.

„Didone“ von 1823 weiß noch viel von der Opera seria, dann führte der Belcanto-Stil in romantische Gefilde. In Mercadantes Ouvertüre schüttelt Rossini die Komponistenhand, doch immer wieder entpuppt sich Bekanntes als zeitgebunden oder sogar vorausgenommen. Mercadante erweitert die Formen, hat prächtige melodische Eingebungen, kann mitunter kreativ mit Floskeln umgehen und schmelzender Elegie hitzige Leidenschaft folgen lassen. Innerhalb seines künstlerischen und politischen Umfelds beschreibt sich seine Leistung von selbst.

Alessandro De Marchi schließt auf dem Weg seiner Wiederentdeckungen – vielfach aus dem Repertoire der neapolitanischen Schule – eine Lücke und logischerweise mit den Mitteln der historischen Aufführungspraxis, also mit dem Instrumentarium, spezifischen vokalen Verzierungen, zahlreichen Detailfragen und verschiedenen Rezitativen, die schon in durchkomponierte Passagen münden. De Marchi hat die Partitur penibel aufbereitet und viel Interesse damit geweckt. „Didone abbandonata“ wird nächstes Jahr auf CD und DVD erscheinen.

Die Academia Montis Regalis (unter Tiroler Beteiligung bei Blechbläsern und Schlagwerk) wird sich dafür noch steigern müssen. Während De Marchi feine Tempi und dynamische Abstufungen bereithält, blühten bei der Premiere am Freitag die hohen Register erst im zweiten Akt richtig auf. Das Solo-Naturhorn ist wie bei der Premiere nicht einsetzbar.

Unter den Solisten setzte sich die großartige Katrin Wundsam als Enea an die Spitze, die die lyrischen Qualitäten ihres nicht großen, doch schönen Mezzosoprans ausdrucksstark und mit Hingabe einsetzt. Die junge litauische Sopranistin Viktorija Miskunaité widmet sich waghalsig mit höchst beachtlichem Ergebnis an die höllischen Schwierigkeiten der Didone-Partie. Die große Rolle des maurischen Königs Jarba, der Dido unglücklich liebt, ist bei Carlo Vincenzo Allemano stimmlich wie darstellerisch robust untergebracht. Er soll ein lauter, unbeherrschter, gefährlicher, wahnsinniger Tyrann sein, übertreibt das aber. Aufhorchen lässt seine Stilsicherheit. Rollendeckend ergänzen Pietro Di Bianco als Osmida, Diego Godoy als Araspe und Emilie Renard als Selene. Stark der Männerchor, studiert von Claudio Chiavazza. Kristina Bell hat die Herrschaften eingekleidet.

Jürgen Flimm erzählt die Geschichte der verlassenen Dido unaufgeregt und die Potenziale der Darsteller nutzend, kenntlich wird der prominente Regiegast in der genauen und detailreichen Personenführung sowie seinem mehr oder minder aufflammenden Humor.

In Magdalena Guts Bühnenbild, das mit Rundeisen in Betonsockeln vom Werden Karthagos und schließlich vom Verfall erzählt und mit permanenten Wasserdampf-Nebeln Meer andeutet und sängerfreundlich ist, findet Flimm zahlreiche Spielorte. In den Schlussjubel mischten sich für Flimm einige kräftige Buhrufe.