Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.09.2018


Musik

Geburtstag im Klangdschungel

Auftaktkonzert zum 25-Jahr-Jubiläum der Erfolgsgeschichte Klangspuren Schwaz. Dank intensiver Jugendarbeit ist der Blick in die Zukunft ein rosiger.

© markus hauserZwei Dirigenten sind besser als einer – zumindest wenn es um Charles Ives’ „A Symphony: New England Holidays“ geht.Foto: Hauser



Von Markus Hauser

Schwaz – Wer hätte wohl gedacht, dass ein Festival der Neuen Musik in einem, vorsichtig formuliert, von sehr alpinen Traditionen geprägten Land wie Tirol den 25. Geburtstag erleben würde? Das 1994 auf Initiative des Tiroler Pianisten und Komponisten Thomas Larcher gegründete Festival Klangspuren ist aus der Tiroler Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken und hat seine Anerkennung im internationalen Festivalgeschehen längst gefunden. Der Erfolg des Festivals liegt wohl in einem Konzept, das sich der Neugier verschrieben hat. Neben Klassikern der Neuen Musik ist es primär die Suche nach dem Unbekannten, Herausfordernden und möglicherweise Visionären.

Da geht es um neue Perspektiven auf die Gegenwart, um den Blick in die Kristallkugel, realisiert von renommierten Ensembles und Musikern, die sich in stilistisch gegensätzliche Klangwelten begeben. Die Einrichtung der „Klangspuren International Ensemble Modern Academy“, eine Investition in die Zukunft, eröffnet zum 15. Mal jungen Musikertalenten aus aller Welt unter der Regie von etablierten Dirigenten und Komponisten Wege in die Neue Musik. Und mit „Klangspuren Barfuß“ erschließt man Kindern die Welt der neuen Klänge.

Das heurige Programm, zum sechsten und letzten Mal von Matthias Osterwold konzipiert, entspricht diesem Ansatz zutiefst, das zeigt­e der Eröffnungsabend am Donnerstag im Silbersaal des SZentrums Schwaz mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Peter Rundel: zwei Sätze aus Charles Ives’ „A Symphony: New England Holidays“, Decoration Day (1912) und Fourth of July (1911–1913), ein mit aller Macht an Traditionen rüttelnder Klassiker.

Wie Ives vor gut einem Jahrhundert Traditionelles und Avanciertes aufeinanderknallen lässt, sorgt für Hochspannung. Schräge Akkorde, Dissonanz-Kaskaden, lyrische Unruheherde und farbenreiche Brillanz. Eine amorphe Materialschlacht, amerikanische Songs, Hymnen und Märsche zitierend, um nicht zu sagen persiflierend, stellt jeglichen Hymnenpathos auf den Kopf. Das Orchester, bestens organisiert, agiert makellos präzise, wunderbar flexibel und herrlich klangsatt.

Nicht weniger intensiv weiß sich das Symphonieorchester in Rebecca Saunders „void“ für Schlagzeug und Orchester (2013–2014) einzubringen. Zwei Schlagzeuger, Dirk Rothbrust und Christian Dierstein, am Schlagwerk mit Finesse und Vehemenz an Klang- und Geräuschereignissen werkend, geben den Beat vor für polytonale und polyrhythmische, scheinbar ganz ohne Taktstriche auskommenden Passagen.

Mit einem Glockenklang ist man in einen Klangdschungel entführt. Von allen Seiten korrespondierende, an metallische Klänge gemahnende Instrumente. Geheimnisvoll impulsive Gebilde, Klänge an der Grenze zur Stille, Rebecca Saunders (Composer in Residence) schafft Klangflächen von großer Sinnlichkeit.

Nicht ganz so spannungsgeladen gibt sich Joanna Wozn­y, deren „any great distance“ als Kompositionsauftrag uraufgeführt wurde. Fast bar jeglicher Dynamik, schaffen Schlaginstrumente Struktur in einem dahinfließenden Strom von dissonanten Akkorden, Impulsen und kleinen Gesten.

Werner Pirchners „Happ­y Birthday-Musik mit gutem Orchester“ PWV 80, in seiner ersten Fassung zum 150. Geburtstag des Tiroler Landestheaters komponiert und vom Symphonieorchester Innsbruck 1996 uraufgeführt, hat seither nichts an emotionaler Strahlkraft eingebüßt. Augenzwinkernd, so ungemein heiter und ernsthaft zugleich, kam es als mit melancholischer Farbpalette gemalter Blumenstrauß zum 25. Geburtstag der Klang­spuren und zum 125er des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck daher.

Die schönsten Geschenke sind anscheinend doch immer noch jene, die man sich selbst macht.