Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.09.2018


Innsbruck

Klangspuren-Festival: Der exzessive Klang unserer Zeit

Trio Steamboat Switzerland beim Klangspuren-Festival im Treibhauskeller.

© KlangspurenEine maßlos laute, überraschend differenzierte Stunde Klangrausch fing im Treibhaus erbarmungslos das Heute ein. Foto: Klangspuren



Innsbruck – Die vor dem Treibhaus-Orkus angebotenen Ohrschoner signalisierten überlebensgroße Musik, attackierend, richtig, richtig laut. So wurde es auch – und fesselnd. Seit 20 Jahren sind Dominik Blum (Hammondorgel), Marino Pliakas (E-Bass) und Lucas Niggli (Drums) als Steamboat Switzerland mit ihrer „Hammond Avantcore Surprise Music“ unterwegs und gastierten nun erstmals bei den Klangspuren.

Was uns das Schweizer Trio in die Eingeweide haut, ist der Klang unserer Zeit. Heftig, energetisch und bei allem Dröhnen doch so differenziert, dass man die Stöpsel aus den Ohren nimmt, weil sie den Reichtum, den es zu hören gilt, verdunkelnd auf Bewegung und Rhythmus reduzieren.

Unter den komponierten Modulen waren Uraufführungen von Michael Wertmüller und Stephan Wittwer, dazu kommt Improvisation, was die virtuosen Nahtstellen schärft. Da herrscht intelligent und überwältigend Musikalität, Fantasie, Emotion, Mut und Aktualität. Die aufsteigenden Bilder sollen das Umfassende nicht minimieren, doch lassen sich Begriffe von gefährdeter Existenz, Masse und Macht, Naturgewalt etc. innerhalb der klanglich-filmischen Verblendungen nicht ganz ausschalten.

Die Stunde Raummusik, Klangrausch, Entäußerung hat Struktur. In Einführungsworten kommen Mozart, Sinatra und die „Tannhäuser“-Harmonik vor. Die Hammondorgel gibt Orgelassoziationen frei, eine lyrische Coda bereitet finale Schläge vor. Über der Basis entwickelt sich reiches Leben, in Farbe und Einsprengseln, harmonischen Rückungen, jedes Instrument gibt seine Besonderheiten, die Stimme kommt dazu. Die wenigen Pausen, nicht länger als ein Schlägelschlag, sind ein Vakuum-Kokon. Und kein Modul, das sich schnelllebig austobt, erinnert sich an das, was vor ihm war. (u.st.)