Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.11.2018


Musik

Aller Leidensdruck in den Noten

Lyrik und Leidenschaft: Vor 125 Jahren starb Peter Iljitsch Tschaikowsky.

© imagoKlug, elegant und distanziert schaut der Komponist Peter Iljitsch Tschaikowsky aus einem Gemälde von Nikolai Kuznetsov.



„Sie sehen, meine liebe Freundin, dass ich ganz aus Widersprüchen bestehe und dass mein unruhiger Geist, trotz meines überreifen Alters, weder in der Religion noch in der Philosophie Beruhigung gefunden hat. Verrückt müsste man werden, wenn es keine Musik gäbe …“ (Tschaikowsky an Na­djeschda, 5. Dezember 1877)

Verrückt war er nicht, aber labil, voller Ängste, neurotisch. Peter Iljitsch Tschaikowsky, geboren am 7. Mai 1840 in Wotkinsk, gestorben am 6. November 1893 wie seine französische Mutter in St. Petersburg an der Cholera, wurde in einer Zeit, da Russlands Musik im Westen kaum bekannt war, schon zu Lebzeiten zum bedeutendsten Komponisten seiner Heimat.

Seine Kompositionen gehören bis heute zum Standardrepertoire, allen voran die letzten drei seiner sechs Symphonien, die drei Klavierkonzerte, das Violinkonzert, von den zehn Opern „Eugen Onegin“, „Mazeppa“, „Pique Dame“ und „Yolanta“, die Ballette „Schwanensee“, „Dornröschen“ und „Der Nussknacker“, die Orchester-Ouvertüren, Szenenmusiken und symphonischen Dichtungen, vieles aus dem Klavier-, Lied- und Chorrepertoire.

Er war mit Edvard Grieg befreundet und mit Franz Liszt bekannt, verehrte Mozart und liebte Bizets „Carmen“. Er reiste viel, wurde mit Mitte vierzig zum Dirigenten, erlebte in Hamburg, wie Gustav Mahler seinen „Eugen Onegin“ aufführte und fühlte sich in Bayreuth von Wagners Musik gequält.

Tschaikowsky war scheu und selbstkritisch, vermied Menschenansammlungen, entzog sich Konflikten, litt massiv unter seiner geheim gehaltenen Homosexualität. Er hasste das Auffallende, Lärm, Stolz und Eitelkeit. Die Dramen seines Lebens, Hitze, Leidenschaft und Qual spielten sich in seinem Inneren ab. Das ist das Charakteristische seiner Musik: Hier teilen sich seine Stürme, seine Emotionalität, sein Leidensdruck mit, oft konkret autobiografisch. Er ist vor allem Symphoniker. In den Opern dominieren die lyrischen Inseln, da entwickeln die Opernfiguren die Szenen ganz aus ihrem Wesen, ihrem Fühlen heraus.

Er hatte Jus studiert und eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen, sich erst 1862 am Konservatorium von St. Petersburg eingeschrieben. 1866 geht er nach Moskau, unterrichtet am Konservatorium, komponiert. Eine Ehe endet sehr schnell in einem Desaster, er flieht an den Genfer See.

1877, in schwerer Krise, kommt die reiche Witwe Na­djeschda von Meck, die seine Musik unendlich verehrt, in sein Leben. Eine 14-jährige intensive Freundschaft beginnt, die Bedingung: kein persönlicher Kontakt. Sie unterstützt ihn finanziell großzügig, was ihm erlaubt, beruflich frei zu sein. Dann brechen Zuwendung und Kontakt jäh ab, es steckt wohl die Familie der nunmehr kranken Frau dahinter. Sie stirbt wenige Wochen nach Tschaikowsky. Sein Cholera-Tod löste bis heute diskutierte Vermutungen über Selbstmord bis hin zum Fememord aus. (u.st.)