Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Musik

Ums Eck gebogene Texte, politische Ansagen

Herbert Grönemeyers neues Album „Tumult“ stemmt sich der Radikalisierung von rechts entgegen. Erstmals singt er auch auf Türkisch.

© imago/BildgehegeHerbert Grönemeyer segelt nunmehr mit Denkerbrille durch die Musikwelt. Foto: Imago



Von Markus Schramek

Innsbruck – „Der Tag ist alles – außer gewöhnlich.“ Ums Eck gebogene Texte wie diese entstammen mit großer Wahrscheinlichkeit der Schreibwerkstatt Herbert Grönemeyers. Der musikalische Unterhalter der Zielgruppe „gestaltungswilliges Bürgertum“ ist nach vier Jahren Albumpause seit gestern mit neuer Scheibe zurück.

„Tumult“ heißt der 15. Longplayer des Deutschen, der so gar nicht ins Popstar-Schema passt. Schon allein dieser Name: Mit so etwas kommt man in der Regel nicht groß heraus. Grönemeyer hat seine Produkte aber dennoch in Millionenauflage unters Volk gebracht, seit er sich 1984 mit den Hits von „4630 Bochum“ im Ohr von Mainstream-Musikfreunden eingenistet hat. In den Konzertarenen der deutschsprachigen Welt huldigen die Fans dem „Herbert“ seither zu Zehntausenden.

Das neue Album bietet beste Nahrung für die anstehende Tournee des Jahres 2019 (mit Terminen auch in Graz und Wien im März bzw. September). Denn „Tumult“ ist sehr, sehr ohrenfreundlich arrangiert.

Schon der Auftaktsong „Sekundenglück“, folgerichtig als Single auf dem Markt, eignet sich bestens zum Mitträllern im Stadion. Schmachtfetzen und Balladen in bekannter Grönemeyer-Manier, mit Akustikgitarre und Klavier, sind nicht zu knapp mit von der Partie, so bei den Songs „Meine Lebensstrahlen“ oder „Lebe mit mir los“, die auch noch ähnlich heißen. Grönemeyer hat am Sound nicht groß herumgebastelt. Er weiß schließlich, was gefällt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Eine heile Welt gaukelt uns der 62-jährige Popveteran nicht vor. „Tumult“ hat durchaus seine Botschaften, zumal in den weniger verklausulierten Songs. Jüngere Ereignisse in Deutschland können einen politisch denkenden Menschen nicht kaltlassen.

Die Hatz auf Ausländer in Chemnitz findet ihren Niederschlag im Protestlied „Fall der Fälle“. Hier wird Grönemeyer unmissverständlich und glasklar in seiner Ansage: „Keinen Millimeter nach Rechts/Verständnis ist nie schlecht“, heißt es da. Oder, nicht weniger deutlich: „Es wird laut gedacht/Alles ist erlaubt/Es lallt und hallt von überall.“

Der Sänger belässt es aber nicht beim bloßen Anprangern der (nicht nur) bundesdeutschen Radikalisierung am rechten Rand. Er tritt direkt dagegen auf. So wird die halb deutsch, halb türkisch gesungene Nummer „Doppelherz/Iki Gönlüm“ zum eigentlichen Highlight des neuen Albums. Zwei Kulturen zu populärer Musik vereint.

Dieses Stück macht sich gut auf dem Dancefloor – sei es in den Clubs von Grönemeyers Wahlheimat Berlin oder sonstwo auf der menschenfreundlichen Welt.

Politpop Herbert Grönemeyer: „Tumult“. CD und Download Album. UMD/Vertigo Berlin