Letztes Update am Do, 22.11.2018 10:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Erl-Intendant Bernd Loebe: „Kuhn spielt hier keine Rolle mehr“

Der deutsche Operndirektor Bernd Loebe (65) soll die Festspiele Erl aus den negativen Schlagzeilen bringen. Ein Gespräch über den geplanten Umbau des Festivals nach dem Ende der Ära von Gustav Kuhn.

Ein großer Opern- und Fußballfan: Bernd Loebe.

© Thomas BöhmEin großer Opern- und Fußballfan: Bernd Loebe.



Warum kommt ein angesehener Operndirektor wie Sie als Troubleshooter zu den Festspielen nach Erl?

Bernd Loebe: Selbst für einen relativ erfolgreichen deutschen Opernintendanten ist Erl ein schönes Angebot. Ich möchte den Festspielen wieder Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche vermitteln. Ich habe versucht, mich von all den Dingen, die in den letzten Jahren in Erl passiert sind oder auch nicht passiert sind, freizuhalten. Ich habe nicht jeden Tag nachgeschaut, was der Blogger macht, der Vorwürfe gegen Gustav Kuhn veröffentlicht hat. Ich wollte unvoreingenommen an die Sache herangehen.

Hat Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner Sie gebeten, sich zu bewerben?

Loebe: Ja. Sonst hätte ich mich auch gar nicht beworben. Herr Haselsteiner hat mir das Gefühl vermittelt, dass er mich will und braucht. Und ich habe den Eindruck, dass sich auch die Mitarbeiter der Festspiele Erl auf einen Neubeginn freuen und genug haben von dem, was war. Dass ich Haselsteiner zugesagt habe, war mehr eine Sache des Gefühls als des Kopfes.

Kuhn wird von Künstlerinnen sexuelle Belästigung vorgeworfen. Das haben Sie aber schon gehört?

Loebe: Das habe ich wahrgenommen. Jetzt sind die zuständigen Stellen mit der Aufklärung dieser Vorwürfe befasst. Ich möchte nicht den Richter spielen, sondern nach vorne schauen. Eines ist klar: Alles, was unter dem Begriff „MeToo“ zum Thema sexuelle Belästigung angesprochen wird, hat im Theater nichts zu suchen. Was hinter den Kulissen stattfindet, muss genauso geahndet werden wie im normalen Leben. Ein Theater ist keine Insel, wo Dinge durchgehen, die sonst nicht durchgehen.

Wo ist für Sie die Grenze des Zulässigen?

Loebe: Wenn das Licht im Saal an ist, ist viel erlaubt – wie eine Umarmung, weil man einer Sängerin zum Auftritt gratulieren will. Ist das Licht aus, ist gar nichts erlaubt.

Wird Kuhn in Erl noch eine Rolle spielen, solange Sie etwa­s zu sagen haben?

Loebe: Nach heutigem Kenntnisstand wird Kuhn in Erl keine Rolle mehr spielen. Wenn er bei den Untersuchungen von Staatsanwaltschaft und Gleichbehandlungskommission als Unschuldsengel herauskommt, bleibt es mir vorbehalten, nachzudenken, ob er vielleicht einmal ein Konzert hier dirigiert. Er wird das Haus nie mehr so prägen, wie er es geprägt hat.

Kuhn geht bei den Festspielen angeblich weiterhin aus und ein?

Loebe: Kuhn hat hier ein Büro. Ich habe ihn aber dort nicht angetroffen. Ich weiß, dass Herr Kuhn in Erl nicht mehr aus und ein geht.

Die Zusammenarbeit mit der Künstlerakademie von Kuhn in Lucca, wird sie weitergehen?

Loebe: Die Akademie von Montegral ist ab Herbst 2019 nicht mehr Partner der Festspiele Erl. Bis dahin läuft noch der Vertrag. Mein eigener Vertrag beginnt am 1. September 2019. Bis zu diesem Tag bin ich als Beobachter hier, beim Winterfestival und dann im Sommer.

Sie haben sich bei Ihrer Bestellung besorgt über das Image von Erl gezeigt. Es gibt mehr als ein Dutzend Klagen gegen den schon erwähnten Ötztaler Blogger.Werden Sie da vermitteln?

Loebe: Die Klagen sind Privatsache von Herrn Kuhn und Herrn Haselsteiner. Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten vom Gas heruntergehen. Manchmal hat man den Eindruck, es handle sich um ein Duell wie im Mittelalter.

"Ein Theater ist keine Insel, wo Dinge durchgehen, die sonst nicht durchgehen", sagt Loebe über die "MeToo"-Debatte
"Ein Theater ist keine Insel, wo Dinge durchgehen, die sonst nicht durchgehen", sagt Loebe über die "MeToo"-Debatte
- Thomas Boehm / TT

Wird es in Erl weiterhin eine Ombudsfrau geben, als Ansprechpartnerin bei allfälligen Problemen?

Loebe: Jeder kann zu mir kommen. Auch in Frankfurt steht meine Tür offen. Ich habe den Ehrgeiz, mit jedem Einzelnen Dinge zu vereinbaren und eine Vertrauensperson zu sein. Ich sehe mich als Problemlöser. Über die Zukunft der Ombudsstelle habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wenn die Mitarbeiter glauben, dass wir eine Ombudsfrau benötigen, wehre ich mich nicht dagegen.

Kuhn lebte nach Definition von Erl-Präsident Haselsteiner nach dem Motto „Wein, Weib und Gesang“. Wie leben Sie?

Loebe: Wein auf jeden Fall. Mein Keller ist schon komplett zugestellt. Das kann ich bis zum Ende meiner Tage gar nicht mehr trinken. Gesang natürlich als Opernintendant ganz ausdrücklich. Weib hält sich im Rahmen: Ich bin ein treuer Ehemann.

Planen Sie Änderungen beim künstlerischen Personal?

Loebe: Das Orchester aus Weißrussland hat sich als Einheit dargestellt. Die Weißrussen sind mit die treuesten. Vielleicht könnte man beim Chor den Akademiegedanken aufgreifen und junge Sängerinne­n und Sänger, die Solisten werden wollen, im Chor einsetzen, um herauszufinden, wer als Solist in Frage kommt. Das Ganze soll aber nicht unter dem Titel „Jugend forscht“ laufen. Die Qualität steht über allem.

Viel Zeit werden Sie bis zum Amtsantritt nächsten Herbst nicht in Erl verbringen können?

Loebe: Ich bin im Dezember einige Tage in Erl. Ich werde sicher jeden Monat hier sein. Ab Frühjahr möchte ich allen Sängerinnen und Sängern, die weiter hier arbeiten wollen, anbieten, vorzusingen, vor allem auch den Österreichern. Im Laufe des nächsten Jahres werde ich einen „zweiten Mann“ in Erl einsetzen. Der wird als meine rechte Hand fungieren. Den Namen kann ich aus vertraglichen Gründen noch nicht nennen.

Der „zweite Mann“ wird Andreas Leisner ablösen, den interimistischen Künstlerischen Leiter nach Kuhn?

Loebe: Ja. Herr Leisner weiß, dass seine Zeit hier endet, doch er arbeitet mir sehr loyal zu.

Die Leitung der Festspiele Erl wird auch künftig neben Ihrer Intendanz in Frankfurt erfolgen?

Loebe: An der Oper Frankfurt habe ich viel zu tun. Da steht eine Sanierung bzw. Neubau zur Diskussion. Herr Kuhn war auch nicht das ganze Jahr über in Erl. Es geht auch mehr um die Qualität der Anwesenheit als um die Quantität.

Wie positionieren Sie die Festspiele Erl inhaltlich?

Loebe: Richard Wagner ist im Passionsspielhaus gesetzt. Das war ja auch erfolgreich. Da darf man junge Menschen nicht verheizen, sondern braucht arrivierte Kräfte. Im Festspielhaus soll jedes Jahr eine Produktion analog zu Wagner stattfinden. 2020 werden das Engelbert Humperdincks „Königskinder“ sein. Belcanto wird im Winter und Sommer die dritte Säule sein. Junge Künstler finden ihr Repertoire viel einfacher bei Rossini, Bellini oder Donizetti. Darüber hinaus bemühe ich mich um junge, preisgekrönte Instrumentalisten für Konzerte und Soloabende. Dazu kommen bekannte Künstler wie der englische Pianist Paul Lewis. Er hat für Winter 19/20 und Sommer 2020 zugesagt.

Zur Person

Bernd Loebe. Geboren 1952 in Frankfurt am Main. Verheiratet mit einer Britin, keine Kinder. Loebe studierte Jus, doch seine Leidenschaft ist die Oper. Er hat seit seiner Jugend 8000 Opern gesehen und akribisch Buch darüber geführt; die Unterlagen füllen Ordner.

Loebe begann seine Berufslaufbahn als Musikkritiker und Radiomoderator. 1990 wurde der Deutsche Künstlerischer Leiter des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel. Seit 2002 ist er Intendant der Oper in seiner Heimatstadt Frankfurt. Mehrmals wurde er in dieser Position bestätigt.

Loebe ist Fan und Mitglied von Eintracht Frankfurt. Der aus Tirol stammende Opernsänger Daniel Schmutzhard hat ihn über Wacker Innsbruck informiert. Der neue Erl-Chef sieht Parallelen zwischen Fußball und der Oper: Junge Sänger müssten wie Fußballer richtig gecoacht werden. Geld sei nicht das Wichtigste und könne in beiden Karrieren Schaden anrichten.

Brigitte Fassbaender, die Ex-Chefin des Tiroler Landestheaters, inszeniert ab 2021 über vier Jahre einen neuen „Ring des Nibelungen“. Wie kam es dazu?

Loebe: Brigitte hat mehrmals Opern bei mir in Frankfurt inszeniert. Wir haben uns dabei angefreundet. Sie hat sofort zugesagt, als ich ihr den Ring in Erl angeboten habe. Sie brennt für diese Aufgabe.

Wie verläuft der Kartenvorverkauf für die Winterfestspiele 2018/19, die ersten nach der Ära Kuhn?

Loebe: Der Verkauf hat angezogen. Es wäre fatal gewesen, die Winterfestspiele abzusagen. Da sackt ein Festival ganz schnell ab. Ich appelliere an die bisherigen Besucher der Festspiele, den Künstlern und Dirigenten, die jetzt kommen, eine Chance zu geben. Sie alle wollen das Festival wieder hochbringen. Es gibt in Erl ein Leben nach Herrn Kuhn.

Sie sollen überrascht gewesen sein über die beschränkten technischen Möglichkeiten im Festspielhaus.

Loebe: In der Vergangenheit galt die Musik in Erl als wichtiger als das Szenische. Für mich besteht die Faszination Oper aber aus tollen Sängern und einer geglückten Inszenierung. Technisch ist Erl kein Brachland. Mit dem richtigen Bühnenbildner und Regisseur lässt sich schon etwas machen.

Werden Sie Frauen als Dirigentinnen forcieren, wie bei den kommenden Winterfestspielen?

Loebe: Eine Quote bringt in der Kunst nichts. Frauen packen allerdings oft mehr an, sind viel belastbarer und bringen mehr Esprit herüber. Dirigentinnen sind über Jahrhunderte unterdrückt worden. Momentan ist eine Gegenbewegung im Gang. Jedes Haus will Dirigentinnen. Das wird sich einpendeln. Ob es einen Chefdirigenten oder eine Chefdirigentin in Erl gibt, wird sich weisen. Es kann sein, dass das Orchester eine Leitung haben will.

Ihr Vertrag in Frankfurt läuft bis 2023. Gibt es danach für Sie nur noch Erl?

Loebe: Das ist alles völlig offen. In Frankfurt bin ich seit 2002 Intendant. Noch nie hat jemand gesagt, dass es nun genug sei. Mein Vertrag in Erl läuft bis 2023 mit Option auf Verlängerung. Kann sein, dass beides weitergeht.

Das Gespräch führten Markus Schramek und Joachim Leitner