Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.12.2018


Innsbruck

Conchita Wurst: Am Kitsch erkrankter Phönix

Conchita ist nicht mehr Conchita. Vorboten für eine Entwicklung gibt es bereits, auch wenn die Kunstfigur im Treibhaus nochmals alle Fans zufriedenstellen wollte.

© RachléEine Entwicklung lässt sich bereits äußerlich erkennen. Das neue Album von Tom Neuwirth alias Conchita gibt es im Frühjahr 2019.



Innsbruck – Es ist ein Sound, der gut und gern auch in die Dogana gepasst hätte. Trotzdem wählt Conchita in Innsbruck, bereits zum zweiten Mal, das Treibhaus als Konzertlocation. Die Karten waren ausverkauft, bereits seit Monaten. Alle wollten ihn am Mittwoch hören, den typischen Conchita-Sound, enttäuscht werden die Fans aus allen Altersgruppen nicht – Conchita ist exaltiert, effektvoll, bisweilen bewusst kitschig.

„Kitsch kann ich gut“, sagte die Gmundnerin bereits im Vorfeld zum Konzert. Und zeigt in musikalischer Hinsicht somit eigentlich kaum Entwicklung, ganz im Gegensatz zu ihrem Äußeren: Im tief ausgeschnittenen Hemd über muskulösem Oberkörper und in schwarzen Lackhosen betritt Conchita die Bühne. Und spielt mit ihrer Ästhetik zwischen großer Diva und bodenständigem Sänger. Denn die Phase der großen Roben ist vorbei. Es menschelt, auch bei Conchita, überrascht sie doch mit privaten Einblicken, erzählt Geschichten ihrer Oma, verrät Details zu ihrer Geburtstagsfeie­r sowie ihrem ersten Kuss. Der noch sehr schüchtern verlief, wenn man ihr glauben darf.

Conchitas Auftreten heute ist selbstbewusst und abgeklärt, wie selbstverständlich wird die Show mit „(Where Do I Begin) Love Story“ eröffnet. „Heroe­s“ wird der zweite Kracher, der bereits nach Höhepunkt klingt – aber keiner ist. Denn die Show ist zum Bersten gefüllt mit vermeintlichen Höhepunkten; mit der Tour „So weit, so gut“ zieht Conchita Bilanz.

Neuestes Projekt: „From Vienn­a with Love“, damit hab­e sich Conchita einen großen Traum erfüllt. Niemand Geringeres als die Wiener Symphoniker vertonen die vielen Schmachtfetzen, die Conchitas Stimme so gut liegen. Von denen bringt sie etliche mit nach Innsbruck: „Get Here“ von Oleta Adamas oder „Uninvited“ von Alanis Morissette sind große Kompositionen, die auch ohne Orchester funktionieren. „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ wird, weil sich Conchita in Zurückhaltung übt, zum Höhepunkt der Show – mit „Purple Rain“ wird der Zenit endgültig überschritten. „Kitsch ist das Echo der Kunst“, sagte schon Kurt Tucholsky. Und Conchita­s Stimme hallt nicht nur im übertragenen Sinn nach, sie ist mit reichlich Effekten unterlegt, von Backgroundsängerinnen komplementiert, und wird von der brausenden E-Gitarre in ungeahnte Höhen getrieben.

Das ist die Conchita von gestern: Der heutigen Conchita stünde eher die Clubnummer „Firestorm“, die die Show mit Leichtigkeit abschließt. Gut, dass Conchita ankündigte, dass ihr kommendes Album elektronisch wird. Vielleicht ein­e Möglichkeit, mit der sie den verbrauchten Stil der Drama­queen ablegen kann. Zur Zugabe muss sie diesen aber mit „Rise Like a Phoenix“ nochmals aus der Asche emporsteigen lassen. Und die Fans drehen durch. (bunt)


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