Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Musik

Annedore Oberborbeck: Rassig, klug und seelenvoll

Geigerin Annedore Oberborbeck im „russischen“ Symphoniekonzert des TSOI unter Dmitri Jurowski heftig umjubelt.

Schon nach dem ersten Satz des Konzertes konnten viele Zuhörer den Applaus für Annedore Oberborbecks Spiel nicht zurückhalten.

© uwe dlouhySchon nach dem ersten Satz des Konzertes konnten viele Zuhörer den Applaus für Annedore Oberborbecks Spiel nicht zurückhalten.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Annedore Oberborbeck, erste Konzertmeisterin des Tiroler Symphonie­orchesters Innsbruck, wünschte sich für ihren solistischen Einsatz im Jubiläumsjahr des Orchesters das eminent schwierige Violinkonzert von Peter Iljitsch Tschaikowski und bekam den einer russischen Musiker­familie entstammenden Dirigenten Dmitri Jurowski ans Pult. Und das ursprünglich als „Carte blanche“-Programm angesetzte Konzert mündete in einen reinen Tschaikowski-Abend.

Während die Elegie aus der dritten Orchestersuite, nicht eben der wirkungsvollste Satz Tschaikowskis, al fresco vorüberzog, um die Bühne dem Violinkonzert zu bereiten, nahm das Orchester danach in der Zweiten Symphonie den virtuosen Gestus zur Gänze für sich in Anspruch. Temperamentvoll geleitet von Jurowski, der großräumig das selten zu hörende, im letzten Abschnitt seiner Zeit vorauseilende Werk in Szene setzte und den Soli, beginnend mit dem prachtvollen Horn, die volle Wirkungsmöglichkeit verschaffte.

Tschaikowskis Violinkonzert machte Annedore Oberborbecks zupackendes, sinnerfülltes, fesselndes Musizieren evident. Sie verfügt über die nötige fabelhafte Technik, die ihr dieses Werk zunächst rein manuell erschließt, macht ihm die Zumutungen an die Fingerfertigkeit und die Ansprüche an die Bogenführung aber dienstbar und lehrt damit, dass Virtuosität nicht nur artistisch Glänzendes, sondern auch musikalische Haltung bedeutet. Die extremen Stimmungswechsel erfüllt sie von einer rhythmischen und aggressiven Bestimmtheit bis zur kitschfreien seelenvollen Melancholie. Vom zarten Beginn bis zum rasenden tänzerischen Finalsatz schlägt Oberborbeck einen großen Bogen. Mit den Kollegen, ob im Kollektiv oder qualitätvoll heraustretend, bleibt sie in kommunikativer Verbindung. Jurowski hält zusammen, lässt aber ausmusizieren und der Solistin ihren ausdrücklich individuellen Zugriff. Stürmisches Echo der Zuhörerschaft.