Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.05.2019


Musik

Umgehauen von der schieren Energie

Jazzdiva Dianne Reeves kam erstmals nach Tirol. Musikalisch vielfältig, stimmlich stark und einzigartig improvisiert.

„Better build bridges than walls“, war Dianne Reeves immer schon überzeugt. Ihre Musik nutzt die Sängerin auch für religiöse Botschaften.

© Thomas Boehm / TT„Better build bridges than walls“, war Dianne Reeves immer schon überzeugt. Ihre Musik nutzt die Sängerin auch für religiöse Botschaften.



Von Luca Gasser

Imst – Die Kraft in Dianne Reeves’ Stimme war an den Speicheltröpfchen sichtbar, die noch zwei Meter weit im Scheinwerferlicht glitzerten. Die US-amerikanische Jazzsängerin sang am Donnerstag im Rahmen des Tschirgart Jazzfestivals im Glenthof, Imst. Tirol gefiel ihr: „Es ist das erste Mal, dass ich hier in den Bergen bin, oh, das fühlt sich gut an. Ich könnte noch ein bisschen länger bleiben.“

Die Band hatte da bereits einen ganzen Song gespielt. In einer klassischen Jazz-Nummer wurden gleich mal die Solo-Fähigkeiten aller Musiker unter Beweis gestellt. Zweifellos anspruchsvolle Musik, die doch leicht zu hören ist. Melodien und Rhythmen lassen sich noch nachvollziehen, was keine Selbstverständlichkeit ist im Jazz. Erst danach betritt die Jazzdiva die Bühne, vorgestellt von der Stimme aus dem Off: „Ladies and ­gentlemen, please welcome Ms. Dianne Reeves!“

Und erst ihre Stimme hat das Potenzial, den Zuhörer wirklich umzuhauen, einfach wegen ihrer schieren Energie. Zu ihren fixen Texten mischen sich auch immer wieder improvisierte Stücke. Ihr Scat klingt wie eine erfundene afrikanische Sprache. Und bei schnellen und großen Tonwechseln hebt und senkt sie die Hand, als würde sie Posaune spielen. Der Text beschränkt sich teilweise auf viele „Yeahs“, „Os“ und „Us“ und „Ys“. Die Leidenschaft für die Musik hört man aber auch so. Ihr Jazzgesang steht in der Tradition von Billie Holiday, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan. Dazu kommen noch eine ordentliche Portion Soul und gelegentliche Gospel-Anklänge. Afro-amerikanische Gesangstradition ist unüberhörbar, wenn Reeves die Tiefen ihres umfangreichen Stimmspektrums ausschöpft. Nach dem Lied lacht sie oft ein einfaches „Ha“, wie um das Gesungene zu unterstreichen. In ihrer lockeren, freien Art kommuniziert sie mit dem Publikum, von dem sie sich überzeugt zeigt: „You’re wonderful. Love it, Jesus!“

Dianne Reeves gelingt in Imst ein abwechslungsreicher Bogen vom anfänglichen Jazz über ruhigere Balladen. „We are gonna change the vibes a bit“, sagt Reeves dazu, wenn es ein bisschen kitschig wird. Den Abschluss macht fetziger Funk. Dabei ließ die professionelle Band nichts anbrennen. Bei Romero Lubambos virtuosem Fingerpicking hört man jeden Saitenanschlag und Akkordwechsel auf seiner akustischen Gitarre. Reginald Veal groovt das letzte Lied mit einem überaus funky Slap-Bass ein. Da greift auch Lubambo zur E-Gitarre.

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Der Zuschreibung als Vertreterin der Weltmusik hätte Dianne Reeves (samt Band) noch gerechter werden können. Immerhin hat sie ihren Gitarristen und „brother from another mother“ Romero Lubambo in Brasilien kennen gelernt. Als das Duo einige Nummern darbietet, klingen lateinamerikanische Rhythmen durch, wie der Bossa Nova. Dianne Reeves singt einige Lieder auf Portugiesisch. Auf die Musik der gesamten Band hat das aber fast keinen Einfluss.

Alles in allem ein Konzert, das sitzt. Bis auf die Standing Ovations. Der Ton in der nackten Halle des Glenthofs war überraschend klar und voll. Hoffentlich auch bei den kommenden Konzerten.