Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Festival

“Heart of Noise“ in Innsbruck: Betörend und brachial zugleich

Wie gut Hoch- und Subkultur zueinander passen, zeigte die 9. Ausgabe von „Heart of Noise“.

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© jarosch



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Mit spannender Klangpalette, die die Vielfalt zwischen brachial und betörend erforschte, ging vergangenes Wochenende das dreitägige „Heart of Noise“ über die Bühne. Das Experimentalfestival gastierte heuer erstmals im großen Saal im Haus der Musik, das zuvor für die speziellen Anforderungen dieses Formats technisch optimiert werden musste – übrigens nicht das einzige Detail, das in der Noise-affinen Szene für Skepsis sorgte. Wie würden die sehr lauten Subkultur-Performances, mit entsprechendem Publikum, in einer Location funktionieren, die bislang als Spielstätte für klassische Klänge galt?

Das Fazit nach drei intensiven Tagen lautet: „Ausgesprochen gut, vor allem durch die super Stimmung im Publikum und durch die engagierte Zusammenarbeit aller Beteiligten im Haus der Musik“, freut sich Festivalmacher Chris Koubek. Tatsächlich war überall, aber speziell auf dem Vorplatz, ein frisches, urbanes Flair spürbar, das der Stadt richtig gut steht. Für Koubek steht zudem fest: „Wir wollen unsere Ideen im öffentlichen Raum zeigen. Und auch weiterhin das Haus der Musik bespielen.“ Erfreulich fiel auch das Feedback von Seiten der Künstlerinnen und Künstler aus, die lobende Worte für Licht- und Soundausstattung fanden. Lauter „glückliche Hühner“, schmunzelt der zufriedene Koubek. Und was hatten sie zu bieten?

Einer der Höhepunkte am Freitag war die schweißtreibende Performance von Aja Ireland, die mit fluoreszierender Erscheinung in Schmetterlingskostüm zunächst harmlose Niedlichkeit vortäuschte. Als sie aber am Mischpult mit ihrer rabiaten Deep-Drones-Industrial-Techno-Mischung loslegte, tobte die anwesende Menge, als ginge es um Leben und Tod, um die letzte, markerschütternde Party vor der Apokalypse. Gut, dass die nicht eintrat.

Der zweite Tag lud nämlich unter anderem auf das Dach des Pema-Towers und zu den Auftritten von Ben Vince, der seinem Saxofon ungeahnte Klänge entlockte, und dem genialen Dj-Set von Kornelia Binicewicz, die wiederentdeckte, tanzbare Musikschätze von türkischen Musikerinnen kredenzte. Zurück im Haus der Musik, ging’s wieder seltsam, krass und reizvoll zu, mit Performances von Thomas Ankersmit, den multimedialen Shows von Phill Niblock, Drew McDowall und Florence To oder der Cellistin Lucy Railton. Gut schräg war zudem der Auftritt von Gazelle Twin, Jogger-Style und Blockflöte inklusive. Der packende, treibende Sound von Christoph de Babalon krönte den Abschluss der Samstagnacht.

Der dritte Tag fing mit der kontrastreichen Tramfahrt ins Innsbrucker Umland und Auftritten an Bord von Vo Ezn und Zanshin, im Haus der Musik folgten tribale Noise-Klänge von Hiedelem. Dann wurde das Programm zunehmend tanzbarer. Dengue Dengue Dengue ernteten tosenden Applaus für ihre Musik, die Elektro und Traditionen ihrer Heimat Peru brillant kombiniert. Dann drehte sich das Karussell immer schneller mit Peverelist, der äußerst kurzfristig für Jay Mitta einsprang (Chapeau für das optimale Krisenmanagement), Mamba Pana feat. Makaveli aus Kampala (Uganda) mit rasantem Breakneck Tempo Singeli à 160 bpm und dem exzessiven Rave von Gabber Eleganza.