Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.07.2019


Musik

Große Gefühle unter Regenschutz in Kitzbühel

Ell¯na Garancˇa holte hochkarätige Sänger zum Open Air nach Kitzbühel. Da hatte sogar das Wetter ein Einsehen.

Das „Symphonieorchester der Volksoper Wien“ sorgte für die instrumental­e Soundkulisse. Im Vordergrund die in Plastik gehüllte Zuhörerschaft.

© Franz NeumayrDas „Symphonieorchester der Volksoper Wien“ sorgte für die instrumental­e Soundkulisse. Im Vordergrund die in Plastik gehüllte Zuhörerschaft.



Von Markus Schramek

Kitzbühel – Eine gewittrige Dusche von oben, wenigstens ist sie nicht kalt, schnell den Regenschutz übergestülpt, alle sehen nun gleich aus, egal wie festlich die Garderobe darunter auch sein mag. So ein verwässertes Open Air hat zweifellos auch seine basisdemokratische Seite.

Mehr als 2000 Klassik-Fans sind es trotzdem geworden an diesem wenige Stunden zuvor noch lauen Samstagabend im Pfarrau-Park in Kitzbühel. Auf der Bühne steht schließlich, zum siebenten Mal in Kitz, ein Top-Star der Klassik: Mezzosopranistin Ell¯na Garancˇa, umgänglich, unprätentiös und, trotz kürzlich gebrochener Rippe, stimmlich in blendender Form. Schon ihre erste Arie, „Plus grand dans son obscurité“ aus Charles Gounods „Königin von Saba“, lässt den Regen vergessen, also beinahe, wenn dieser bloß nicht derart lautstark an die Regenhaut klopfen würde.

Frau Garancˇa ist weiß Gott nicht allein auf die – glücklicherweise überdachte – Bühne gekommen. Sie hat Freunde unter dem Motto „Klassik in den Alpen“ nach Tirol eingeladen, gesangliche Kapazunder samt und sonders.

Zum siebenten Mal Gastgeberin in Kitzbühel: die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca.
Zum siebenten Mal Gastgeberin in Kitzbühel: die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca.
- Franz Neumayr

Mit dem ukrainischen Tenor Dmytro Popov singt Garancˇa Auszüge aus Georges Bizets „Carmen“. Und plötzlich wähnt man sich in einem der großen Opernhäuser der Welt, an dem beide Interpreten sonst zu Gast sind. Popov als Don José und Garancˇa als Carmen im gesanglichen Widerstreit amouröser Gefühle, eine Fahrt auf der Hochschaubahn der Sentimente zwischen Anbetung und Zurückweisung. Einen Zuhörer derart mit Gefühlen zu überhäufen, das vermag eben nur die Oper. Daran können auch suboptimale äußere Umstände auf feuchtem Sitzuntergrund nichts ändern.

Und der Spannungsbogen dehnt sich immer noch weiter. Sopranistin Nadine Sierra aus den USA wagt sich bis in höchste stimmliche Gefilde vor, lässt Koloraturen erklingen, spielerisch, mühelos und hinreißend.

Auch ein österreichischer Landsmann wird mit reichlich Applaus bedacht. Der steirische Bassbariton Alexander Grassauer hat sich unter 84 Bewerbern bei Garancˇas Nachwuchswettbewerb durchgesetzt. Mit einer Arie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ lässt er eindrucksvoll hören, warum. Erst 23 ist dieser Youngster, und seine Stimme zeigt sich erstaunlich ausgeprägt. Hier reift ein Talent heran, um das sich Garancˇa selbst kümmern wird. Die Gefahr des Verheizens besteht schließlich immer.

Das bestens disponierte Symphonieorchester der Volksoper Wien, mit Garancˇas Ehemann Karel Mark Chichon am Dirigentenpult, darf mit Mambo und Samba auch in fremde Gefilde eintauchen und hat hörbar Spaß daran.

Und der Regen? Der hat längst kapituliert.

Aufgereiht zum Schlussapplaus: Alexander Grassauer (Bassbariton), Elina Garanca (Mezzosopran), Dmytro Popo­v (Tenor), Nadine Sierra (Sopran) sowie Dirigent (und Garanca-Gatte) Karel Mark Chichon (v. l.).
Aufgereiht zum Schlussapplaus: Alexander Grassauer (Bassbariton), Elina Garanca (Mezzosopran), Dmytro Popo­v (Tenor), Nadine Sierra (Sopran) sowie Dirigent (und Garanca-Gatte) Karel Mark Chichon (v. l.).
- Franz Neumayr



Kommentieren


Schlagworte