Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.07.2019


Musik

The 1975 in Wien: Der Pop-Teufel trägt Dad-Jeans

„The 1975“ machen unwiderstehlichen Indiepop. Am Montag zog Frontmann Matty Healy Wien in seinen Bann.

„The 1975“ konnten das Publikum in Wien vor allem dank Frontmann Matty Healy begeistern.

© Acoda Films„The 1975“ konnten das Publikum in Wien vor allem dank Frontmann Matty Healy begeistern.



Von Barbara Wohlsein

Wien – Gibt es sie noch, die richtigen Rockstars, die Rampensäue, die man nur auf eine Bühne stellen muss und der Rest passiert von selbst? Ja, es gibt sie. Einer davon ist Matty Healy, Sänger von The 1975. Beschreibt man ihn, ohne seine Musik zu kennen, klingt das ziemlich klischeehaft: Charismatischer Junge aus Manchester gründet mit seinen Freunden eine Band, das erste Album wird zum Indie-Liebling, das zweite Album wird zum Riesenhit und landet sogar auf Platz 1 der amerikanischen Billboard-Charts. Dann kommen der Heroin-Entzug und das dritte, vor allem von Kritikern, gelobte Album.

Genau in dieser Phase befinden sich The 1975 gerade. Ihr Album „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ ist Ende November erschienen, nun performen sie es auf diversen Bühnen in Europa, Australien und Asien. Es sei auch für ihn ein spezieller Abend, lässt Matty Healy das Publikum in Wien wissen, schließlich wäre das Konzert in der Metastadt, einem neuen Open-Air-Gelände am Stadtrand, die erste große Soloshow in Europa. „Groß“ ist in diesem Zusammenhang natürlich relativ, 3500 Besucher sind zum Konzert gekommen, in England spielen sie locker vor zehnmal so vielen Zuschauern. Immerhin sind die für The 1975 so typischen kreischfreudigen Hardcore-Fans zahlreich erscheinen.

Doch das alles ist ziemlich wurscht, wenn die Showrakete erst mal startet. Dann wird eine Feel-good-Messe gefeiert und der Prediger an der Spitze ist Matty Healy. Würden seine coolen Locken nicht eh schon im Nordwind wehen, hätte er wahrscheinlich seine eigene Windmaschine mitgebracht. Der poppige, manchmal funkige Sound der ersten Lieder passt perfekt zum Sommerabend, die extrem professionellen Visuals runden den Eindruck ab, dass hier Künstler mit Geschmack und Geld zugange sind.

Die Bandbreite der Musik von The 1975 wird oft als „beliebig“ kritisiert, sie hätten keinen eigenständigen Sound und würden von Trend zu Trend hüpfen, heißt es immer wieder. Dagegen spricht ganz klar das Live-Erlebnis: Das Publikum bleibt auch in Wien immer am Ball, lässt sich auf die Stilwechsel und die neuen Songs ein – vor allem „It’s Not Living (If It’s Not With You)“ und das großartige „Love It If We Made It“ zünden wie ein Feuerwerk – und feiert alte Hits wie „Chocolate“ und „Sex“ mit Gesangschören, die Gänsehaut hinterlassen.

Matty Healy suhlt sich in der Liebe des Publikums und das Publikum badet im Gefühl, 90 Minuten lang seine Aufmerksamkeit zu haben. Er ist einer jener Popstars, denen jede Abgrenzung fehlt, die in jedes Gefühl hineinspringen und dafür fast jeden Preis zahlen. Und dabei so lässig sind, dass sogar eine Spitzenunterhose, die auf die Bühne fliegt, mit einem Kopfschütteln kommentiert wird: „Come on, guys, not cool.“




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