Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.07.2019


Tiroler Festspiele Erl

„Acies Quartett“ im Erler Festspielhaus: Das Helldunkel der Seelentiefe

Das „Acies Quartett“ mit Musik von Schnittke, Kancheli und Schubert im Erler Festspielhaus. 

Das Acies Quartett, erweitert um Martin Rummel, brachte erstmals Schuberts Streichquintett ins Erler Festspielhaus.

© Peter KitzbichlerDas Acies Quartett, erweitert um Martin Rummel, brachte erstmals Schuberts Streichquintett ins Erler Festspielhaus.



Erl – Das Acies Quartett weiß, mit welchem Anspruch es an der Kammermusikreihe der Tiroler Festspiele Erl teilnimmt. Für das Konzert dieses Sommers ließ das Ensemble seinem Namen gemäß Scharfsinn und genauen Blick walten und öffnete jenen emotionalen Kosmos, der an Existenziellem rührt.

Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur war das Hauptwerk des Abends. Davor setzten Benjamin Ziervogel, Raphael Kasprian (Violinen), Jozef Bisak (Viola) und Thomas Wiesflecker (Violoncello) zunächst Alfred Schnittkes 3. Streichquartett von 1983. Das ist in seiner Polystilistik so reichhaltig, dass trotz Aufschlüsselung der Fremdzitate im Programmheft die Spurensuche kein Ende nimmt. Aber bei Schnittke ist allemal so viel dynamische Spannung und Musikantisches, dass alle Tüftelei darin aufgeht.

Die Musik des Georgiers Giya Kancheli besteht aus Fließen, Symbolkraft, Selbstvergessenheit, manchmal Entladungen. Die Klänge aus Helldunkel benannte er in seinem Stück „Chiaroscuro“ nach der Bezeichnung dieses Effektes in der Maltechnik der Renaissance. Die konzentrierte Wiedergabe vor der Pause war eine raffiniert gewählte, über die Sterblichkeit meditierende Konzentrationsübung auf dem Weg zu Schubert.

Schubert hat unfassbar viel geschrieben in seinem Todesjahr 1828, darunter das den Zeitgenossen unverständliche Streichquintett. Acies mit dem zweiten Cellisten Martin Rummel ließ das Werk aus sich selbst wachsen, mit seiner Schönheit und Aggression, seinem tiefsten Schmerz und Geheimnis. Die Sinnlichkeit der ersten und die Zartheit der zweiten Geige, das Verhüllte der Viola, der Gesang des ersten und das Fundament des zweiten Cellos, die gemeinsame Klangkultur und Feinabstimmung der Intonation, die Innenspannung und Formsprengung, der Atem bis zum Stillstand – das hüllte das Festspielhaus für eine Stunde in die aufgehobene Zeit dieser seelentiefen Musik. (u.st.)

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