Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.08.2019


Musik

Outreach Festival in Schwaz: Fernab der Komfortzone

Das diesjährige „Outreach“-Festival ist eröffnet: Das Programm hoppelte von Barock hin zum Discopop und wieder zurück. Heute steht eine Produktion zum Max-Jubiläum an.

Keine einfache Kost: Adam Taubitz (Violine), Dave Taylor (Bassposaune) und Daniel Schnyder (Saxophon) holten Händel in die Gegenwart.

© Amir BeganovicKeine einfache Kost: Adam Taubitz (Violine), Dave Taylor (Bassposaune) und Daniel Schnyder (Saxophon) holten Händel in die Gegenwart.



Von Barbara Unterthurner

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Schwaz – Ein Barockkomponist, der durchs zeitgenössische Harlem wandelt; hier und da anhält, hie und da über den und wen sinniert, dort was hört, da was riecht, alles fühlt. Wie wäre das, wenn Georg Friedrich Händel – so gar kein Zeitgenosse aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert – wirklich durch die Gegenwart streifen könnte? Würde sein „Messiah“ noch gleich klingen? Eine schräge gedankliche Reise, die das Festival „Outreach“ bei ihrem alljährlichen „Visuellen Eröffnungsredekonzert“ am Donnerstagabend im SZentrum in Schwaz unternahm.

Wahrlich, der „Messiah“ und etliche weitere Händel-Stücke klangen im Kontext von „Händel in Harlem“ nicht mehr allzu barock. Kein Wunder, hatten Daniel Schnyder am Saxophon, Dave Taylor an der Bassposaune und Adam Taubitz an der Violine doch gewaltig an Händels barockem Gewand herumgeschnippelt: dort ein Fleckerl Harlemjazz, da etwas Bebop und alles am Ende mit klassischen Elementen vernäht – eine Komposition ähnlich schräg, wie man sich das Flanieren eines Kerls mit barockem Haarputz und feinem Fummel durch das bunte Harlem eben vorstellt.

Festivaldirektor in Action: Franz Hackl zeigte Videomaterial aus einer Zusammenarbeit mit dem 2018 verstorbenen Robert Barth.
Festivaldirektor in Action: Franz Hackl zeigte Videomaterial aus einer Zusammenarbeit mit dem 2018 verstorbenen Robert Barth.
- Amir Beganovic

Das gedankliche Experiment muss man aber insofern als passend erachten, als dass es die Ausrichtung des Schwazer Musikfestivals (heuer übrigens in seiner 27. Auflage) besser nicht abbilden könnte: Das „Outreach“ ist schräg, ungewohnt und von einer Komfortzone weit entfernt. Aus dieser wird man als Zuhörer gar unsanft gekickt; etwa auch wenn Ausnahme-Trompeter Franz Hackl selbst auf die Bühne tritt und mit einem eigenen Beitrag des im Herbst verstorbenen Ex-ORF-Tirol-Direktors Robert Barth gedenkt. In ihrem gemeinsamen Projekt verwurstete Hackl vor einiger Zeit das berüchtigte „Dem Land Tirol die Treue“ mit Jazz-Zutaten aus New York zum analogen Mashup, das man sich eigentlich nicht erträumen möchte.

Was die Umsetzung von „Outreach“ oftmals auch schwer fassbar macht. Der normale Zuhörer wird sich da und dort überfordert fühlen. Als Beispiel nochmals eingangs erwähntes „Eröffnungsredekonzert“: Das gab sich mit dem Musikmix nicht zufrieden, sondern nahm sich auch noch Text (Werner Heinrichmöller) und Bild (Eric Fischl) vor. Da brummt der Kopf schon mal.

Der diesjährige Stargast sorgte für entspannende Stimmung: Tony Espositio lieferte u.a. schon Hits für „Boney M.“.
Der diesjährige Stargast sorgte für entspannende Stimmung: Tony Espositio lieferte u.a. schon Hits für „Boney M.“.
- Amir Beganovic

Gediegener – weil fassbarer waren die nachfolgenden Eröffnungskonzerte der heurigen „Outreach“-Stars, darunter (zum ersten Mal) Tony Esposito, der in den Achtzigern u. a. Disco-Rhythmen für Boney M. schrieb. Gene Pritsker (er leitete am Donnerstag das Outreach-Orchester mit Esposito an den Drums und Mark Kostabi am Piano sowie das Ensemble Frozen Present Berlin) ist hingegen gern gesehener Gast in Schwaz. Espositos sommerliche Calypso-Sounds („Kalimba de Luna“, „Sinue’“ oder „Pagaia“) waren übrigens idealer Ausgangspunkt für Ausflüge in den Pop-Jazz. Abenteuer, die auch der 0815-Zuhörer auf sich nimmt. Auch wenn Esposito seinen Hit „Papa Chico“ schuldig geblieben war.

Fernab der Komfortzone wird es bei „Outreach“ heute Abend weitergehen: Gespannt sein darf man auf den argentinischen Jazzpianisten Leo Genovese. Und wer von gedanklichen Reisen noch nicht genug hat: Die „Outreach“-Produktion „Think Fast ... bedenke das Ende!“ ist dem Kaiser-Max-Jubiläum gewidmet.




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