Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 15.08.2019


Musik

Bühne frei für die Mitski-Show

Performance trifft melodischen Indierock: Mitski begeisterte ihr Wiener Publikum.

© Christian MessnerPerformance trifft melodischen Indierock: Mitski begeisterte ihr Wiener Publikum.



Bei ihrem ersten Wien-Konzert 2017 kam Mitski noch mit Gitarre auf die Bühne, bei ihrem zweiten Auftritt am Dienstag im Wiener Flex steht sie mit freien Händen da und trägt schwarze Knieschoner. Am Ende weiß man, warum: Jeder der 20 Songs auf der Setlist hat eine eigene Choreografie. Mal schlüpft Mitski in die Rollen eines Dialogs und wechselt von links nach rechts, dann klettert sie wieder auf den Holztisch, der mitten auf der Bühne steht, rutscht herum oder macht pilatesartige Beinkreisübungen.

Was seltsam klingt, funktioniert in der Praxis tadellos. Mitski weiß, was sie ihren Fans zutrauen kann. Kaum eine Künstlerin hat eine loyalere Fanbase als die 28-Jährige, auf Instagram findet man sogar einen eigenen Account mit Mitski-Memes. Seit dem Erfolg ihres fünften Albums „Be the Cowboy" und der Single „Nobody" sind auch die Medien auf die Amerikanerin mit japanischen Wurzeln aufmerksam geworden. In der „The Dail­y Show" erklärte sie, dass sie den Album­titel gewählt habe, weil ihr die Arroganz und Freiheit des Cowboy-Mythos imponiere. Ein Cowboy könne alles kaputtschießen und als Held davonstiefeln, das gefalle ihr als asiatische Frau, die sich immer für alles entschuldigen müsse.

Die Bühnenshow zur aktuellen Tour hat sie mit einer Künstlerin erarbeitet, die mit „Butoh", einer Form des japanischen Tanztheaters, arbeitet. Die relativ strikten Bewegungsabläufe schaffen zwar eine Distanz zum Publikum, nehmen Mitskis Musik jedoch nichts an Kraft. Ihre Stimme ist immer klar und am Punkt, die Songs wirken live rockiger als am Album, lösen sich aber in unverschämt eingängigen Melodien auf. Das Publikum hängt an ihren Lippen, stoppt die Band kurz, ist es tatsächlich still im Raum.

Obwohl es in ihren Liedern oft um Einsamkeit und Schmerz geht, weigert sich Mitski, auf die Rolle der leidenden Künstlerin reduziert zu werden. Mit der choreografierten Show hat sie ein selbstgewähltes Bühnenimage geschaffen. Den Hardcorefans fehlte an diesem Abend vielleicht der persönliche Touch. Trotzdem darf sich Wien glücklich schätzen. Das letzte Konzert der aktuellen Tour hat Mitski als „last show indefinitely" angekündigt. Sie brauche eine Pause. Man hofft, dass sie sie bekommt. Und dass sie nicht zu lange dauert. (bawo)




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