Letztes Update am Mi, 21.08.2019 06:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Zuhausefühlen in alten Musikstilen: Anne Marie Dragosits im Interview

Ein Gespräch mit der Tiroler Cembalistin, Musikforscherin und Pädagogin Anne Marie Dragosits vor ihrem heutigen Festwochen-Konzert über ihre Vielseitigkeit, Leidenschaft für historische Instrumente und neue CD.

Anne Marie Dragosits, geboren 1974 in Hall, begibt sich heute Mittwoch mit ihrem Ensemble Vivante in der Hofkirche und im Hof des Volkskunstmuseums auf die Spuren von „Maximilians Lieb und Leid“.

© Foto TT/Rudy De MoorAnne Marie Dragosits, geboren 1974 in Hall, begibt sich heute Mittwoch mit ihrem Ensemble Vivante in der Hofkirche und im Hof des Volkskunstmuseums auf die Spuren von „Maximilians Lieb und Leid“.



Frau Dragosits, was erwartet das Publikum, wenn Sie heute mit dem Ensemble Vivante in der Hofkirche und im Innenhof des Volkskunstmuseums auftreten?

Anne Marie Dragosits: Ein farbenreiches Programm mit zwei Tenören und fünf Ins­trumentalistInnen: gezupfte Klänge, virtuoses Zink- und Blockflötenspiel, ein ganzer „Zoo“ von Tasteninstrumenten vom Spinettino bis hin zur Ebert-Orgel. Wir präsentieren Musik um Maximilian in Besetzungen, wie der Kaiser sie zu seinem Privatvergnügen gehört haben mag, mit geistlichen und weltlichen Inhalten.

Ihre Cembalo-Leidenschaft erstreckt sich auch auf historische Instrumente. Was sind die besonderen Klangeigenschaften und sind die Originale denn wirklich nachzubauen?

Dragosits: Meine Reisen zu Museen und Privatsammlungen sind inzwischen ein nicht wegzudenkender Bestandteil meines Cembalistinnen-Lebens, ich lerne unglaublich viel vom Spielen auf Originalen – sowohl was Klang und Anschlag betrifft, als auch das gesamte Spielgefühl auf unterschiedlichsten Instrumententypen, die ja in der Cembalofamilie nicht „genormt“ sind. Es gibt wunderbare Nachbauten, aber Resonanzböden, die schon seit Jahrhunderten in Schwingung sind, entwickeln natürlich einen noch spezielleren Klang.

Was ist Ihr Kernrepertoire? Was lieben Sie besonders?

Dragosits: Das ist eine Frage, die ich kaum beantworten kann – wahrscheinlich liebe ich gerade die Vielseitigkeit des reichen Repertoires für Cembalo besonders ...

Es gibt gerade in der vorklassischen Musik gravierende Interpretations-Probleme. Sind sie überhaupt zu lösen oder nähert man sich nur an?

Dragosits: Gerade das macht für mich einen besonderen Reiz aus – dass es eben keine goldene Wahrheit gibt, dass wir auch in Stilen, wo die Quellenlage verhältnismäßig reich ist, immer wieder vor Fragen stehen, für die wir unsere eigenen Lösungen finden müssen. Oft bemüht wurde auch damals der „gute Geschmack“ als eine Art Grundqualität der Interpretation: Meiner Meinung nach sollten wir so tief in alle Stile eintauchen, dass wir uns in der musikalischen Ästhetik der jeweiligen Zeit so sehr zuhause fühlen, dass wir uns zumindest immer mehr annähern.

Spielen Sie zum ersten Mal bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik? Waren Sie in früheren Jahren bei der Sommerakademie?

Dragosits: Ich war mehrmals Teilnehmerin bei der wirklich wunderbaren Sommerakademie damals und habe dann im letzten Jahr ihres Bestehens auch als Korrepetitorin mitgewirkt. Ich erinnere mich gerne an zwei schöne Lunchkonzerte, die ich spielen durfte, und freue mich sehr, dass aus der Idee eines Programms um Hofhaimers Tastenmusik nun dieses Konzert mit Vivante entstanden ist!

In letzter Zeit sind Sie öfter in Tirol aufgetreten, eine langjährige Beziehung verbindet Sie aber mit der Galerie St. Barbara in Hall, wo Sie zu den geförderten Begabungen gehörten.

Dragosits: Die Galerie St. Barbara hat mein Bild von Musik stark mitgeprägt, schon als Kind war ich immer in den Abokonzerten. Das hat sehr früh meine Liebe zur Alten Musik geweckt, auch die Festwochen haben später viel dazu beigetragen. Die Galerie St. Barbara war und ist für mich ein besonders wichtiger Wegbegleiter.

Sie arbeiten auch in der Musikforschung. Da gibt es noch so viele weiße Flecken. Wo setzen Sie an?

Dragosits: Bedingt durch mein langes Forschungsprojekt über Giovanni Girolamo Kaps­perger, sein Leben und seine Vokalmusik lag bisher der Forschungsschwerpunkt bei italienischer Musik des frühen 17. Jahrhunderts – 2020 wird eine vor Kurzem fertiggestellte Biographie des Komponisten bei LIM (Lucca) erscheinen.

Aber ganz allgemein verlangt die Beschäftigung mit Alter Musik einiges an Recherche, zu viele Themen sind nicht restlos aufgearbeitet. Dazu kommt aber bei mir auch ganz banale Neugier, wenn mich ein Stil oder Stück beschäftigt, will ich möglichst viel über die Zeit, die Umstände und die beteiligten Personen wissen – über die Komponisten, die Ausführenden – damals oft eine Personalunion – oder die Zuhörer. Damit kommt mir selbst die Musik näher, auch wenn schon einige Jahrhunderte vergangen sind, seitdem sie geschrieben wurde.

Sie sind auch eine Meisterin des Basso-Continuo-Spiels. Kann man das überhaupt allein üben?

Dragosits: Anfangs kommt man darum nicht herum, man muss das zuerst alleine ein wenig wie eine neue Sprache lernen. Meiner Meinung nach ist die größte Gefahr dabei, dass man Generalbass zu sehr als mathematische Übung betrachtet und dabei vergisst, dass es sich ja um Grundbausteine von Musik handelt ... Wenn man dann mit Kopf, Ohr und Hand frei über die Harmonien verfügen kann, wird es erst richtig interessant: Dann kommt die Beschäftigung mit den wirklich sehr verschiedenen Stilen im Generalbassspiel – eine niemals endende Aufgabe und gleichzeitig große Inspirationsquelle. Umgekehrt hilft der harmonische Überblick und die improvisatorische Freiheit dann wieder bei der Beschäftigung mit dem Solorepertoire für Cembalo.

Was ist Ihnen vorrangig wichtig im Unterricht? An der Bruckner Universität Linz sind Sie Professorin für Cembalo.

Dragosits: Ich denke da vor allem an vier Säulen: an die Klang­erzeugung, die Fähigkeit, dem Cembalo alle ihm innewohnenden Farben, von mild bis wild, entlocken zu lernen.

An ein möglichst tiefes Eintauchen in die wirklich sehr unterschiedlichen Stile innerhalb unseres Repertoires.

An das Generalbass-Spiel im Sinn des schon oben Gesagten, aber auch aus ganz pragmatischen Gründen: Leider schrecken viele Veranstalter davor zurück, Cembalo-Recitals zu programmieren. Unser Beruf und unser Einkommen sind dadurch eigentlich fast untrennbar mit der Beherrschung des Generalbass-Spiels verbunden.

Und an ein Erwecken von Neugier und Recherchelust. Unser Repertoire braucht so viel Eigeninitiative und eigene Entscheidungskraft, dass man damit nicht früh genug beginnen kann – auch um später ein eigenes Profil zu entwickeln.

Ihre neueste CD, „Le clavecin mythologique“, führt in die antike Mythologie und erfährt eine Auszeichnung nach der anderen. Sie schreiben dazu, der Hörer müsse entscheiden, ob diese Mythen Erklärungen für das Unverständliche liefern oder nur Geschichten sind …

Dragosits: Dieses Programm macht mir viel Freude, ich durfte und darf das heuer mehrmals spielen, immer auf wunderbaren originalen Cembali in Museen und Instrumentensammlungen – von Colmar über München bis Edinburgh. Es handelt sich durchwegs um echte, teils sehr suggestive Programmmusik, die starke Bilder im Kopf entstehen lässt. Je stärker ich mich in diese Geschichten hineinversetzen kann, desto mehr kann ich auch das Publikum dorthin mitnehmen.

Was sind Ihre nächsten Vorhaben und wollen Sie nach Ihrer Cavalli-Premiere („La Rosinda“) weiter in Richtung Oper gehen?

Dragosits: Ich denke gerade intensiv über zwei nächste CD-Projekte nach.

Zum einen plane ich ein Porträt einer italienischen Sängerin und Cembalistin, auf die ich bei meinen Recherchen über Kapsperger stieß. Lucia Coppa Rivani war Schülerin von Frescobaldi in Rom, und stand später in Florenz als Sängerin im Dienst der Medici. Ihr Mäzen Filippo Niccolini, ein guter Freund Kapspergers, veranstaltete regelmäßig musikalische Akademien in Florenz, die wir in diesem Projekt gemeinsam mit der Sängerin Ulrike Hofbauer und dem Theorbisten David Bergmüller musikalisch wiederaufleben lassen wollen. Meine nächste Idee für eine Solo-CD wird dagegen ins Deutschland des 18.Jahrhunderts führen. Die Cavalli-Oper in Linz vom Cembalo aus zu „steuern“, hat mir großen Spaß gemacht, ich kann mir sehr gut vorstellen, in diese Richtung mehr zu machen – allerdings immer vom Cembalo aus.

Das Gespräch führte Ursula Strohal




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