Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.08.2019


Konzert

Und bist du nicht willig, so braucht es Gewalt

Zwei Abende, 100.000 Besucher: Neben Pyroshow und Deutschmetal hatten „Rammstein“ in Wien auch Klamauk zu bieten.

Vom Stechschritt bis zum rollenden R: „Rammstein“-Frontmann Till Lindemann spielt gekonnt mit dem Klischee des Bösewichts.

© dpaVom Stechschritt bis zum rollenden R: „Rammstein“-Frontmann Till Lindemann spielt gekonnt mit dem Klischee des Bösewichts.



Von Barbara Wohlsein

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Wien – Der beißt nicht, der bellt nur. Diesen Satz könnte sich Rammstein-Sänger Till Lindemann auf ein T-Shirt drucken – würde er denn eines tragen. Wenn er mit schweren Goldstiefeln und Schlangenledermantel auf die Bühne tritt, die Augen und Lippen dunkel geschminkt, das Gesicht immer ein bisschen schmutzig und verschwitzt, hält man auch als relativ neutrale Beobachterin kurz die Luft an. Die 50.000 Fans im Ernst-Happel-Stadion, davon geschätzt 90 Prozent in schwarzen T-Shirts, reißen die Fäuste in die Luft. Lindemann ist ein erfahrener Showman, über weite Strecken des Abends mehr Zirkusdirektor als Sänger. Er verzieht das Gesicht zu komischen Fratzen, schlüpft in absurde Rollen und ist sich auch nicht zu schade, am Ende von „Pussy“ eine Peniskanone zu besteigen und Schaum in die Menge zu sprühen.

Dieser Schenkelklopfhumor kommt für jene, die Rammstein noch nie live gesehen haben, vielleicht überraschend. Das Provokationspotenzial sparen sich die sechs Ex-DDR-Punks, die seit 1994 zusammen Musik machen, lieber für ihre Videos auf. 1998 verwendeten sie für ihr Depeche-Mode-Cover „Stripped“ Bildmaterial der Nazi-Propagandistin Leni Riefenstahl, das Video wurde aus dem MTV-Programm genommen. Im März 2019 regte ihr Ausschnitt aus dem Video zu „Deutschland“ auf, das die Band als KZ-Häftlinge zeigte. Als der ganze Clip veröffentlicht wurde, gab es – wieder einmal – Entwarnung, es gehe schlichtweg um die Geschichte Deutschlands. Haha, wieder reingefallen, übrigens, wir haben ein neues Album.

Das Wechselspiel aus Skandal und Beschwichtigung haben Rammstein in den letzten 25 Jahren perfektioniert. Und so gibt es auch bei der Show in Wien nach dem obligatorischen Eröffnungsknall und dem düsteren Opener „Was ich liebe“ gleich als zweiten Programmpunkt „Links 2 3 4“, also jenes Lied, mit dem sich Rammstein von politischen Rechtstendenzen distanzieren. Nachdem das geklärt ist, geht’s mit Songs vom neuen Album weiter. Dazu gibt es viel Brachial-Klamauk, bei „Puppe“ wird etwa ein überdimensionaler Kinderwagen mit Feuer beschossen, bevor ein Konfettiregen – stilecht in Schwarz – das kurze Laientheater beendet.

Warum sich Rammstein auf der Bühne so gern zum Deppen machen? Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Rammstein sei ästhetisierte Ironie, finden jene Feuilletonisten, die sich die Mühe machen, ihren naserümpfenden Lesern das Phänomen zu erklären. Pragmatischer ist da schon der Ansatz, dass die Show vor allem für das internationale Publikum gedacht ist. Wer die deutschen Texte nicht versteht, soll für den satten Ticketpreis immerhin ein bisschen mehr geboten bekommen als sechs Männer über 50, die zu Metal-Marschmusik headbangen.

Die Wucht einer Rammstein-Show versteht man gegen Ende des Abends: Nachdem „Du hast“ euphorisch mitgegrölt wird, schießen bei „Sonne“ von allen Seiten riesige Feuerfontänen in den Nachthimmel. „Engel“ singen Rammstein dann in einer Akustikversion mit Klavierbegleitung auf einer kleinen Zweitbühne. Den Weg zurück zur Main Stage legen die Bandmitglieder auf Schlauchbooten über das Publikum zurück. Lindemann empfängt sie mit einem Willkommensschild – das zweite politische Statement des Abends. Am Ende hängen Rauchschwaden über dem Stadion und die zufriedenen Fans stellen sich diszipliniert in die Warteschlangen vor dem Merchandise-Stand. Das nächste Rammstein-Konzert kommt bestimmt. Für jene, die Karten haben, bereits 2020 in Klagenfurt.