Letztes Update am Mi, 28.08.2019 06:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik

Cellist Ramon Jaffé im Interview: Kein Platz für große Egos

Seit 25 Jahren leitet der Cellist Ramon Jaffé das Kammermusikfest Hopfgarten. Ein Gespräch über wegweisende Ideen am Frühstückstisch, meisterliches Überangebot und Tirol als zweite Heimat.

Mit einem Barockfest in Dur und Moll wartet Ramon Jaffé am Freitagabend in Hopfgarten auf. Beschlossen wird Jaffés 25. Kammermusikfest am Samstag mit musikalischen Gipfelgrüßen von der Hohen Salve.

© TrinklMit einem Barockfest in Dur und Moll wartet Ramon Jaffé am Freitagabend in Hopfgarten auf. Beschlossen wird Jaffés 25. Kammermusikfest am Samstag mit musikalischen Gipfelgrüßen von der Hohen Salve.



Herr Jaffé, Sie sind als Musiker sehr vielseitig und international unterwegs. Was hat Sie bewogen, 1995 ein Kammermusikfest in Hopfgarten zu gründen, wie kam es dazu?

Ramon Jaffé: Ich habe mit dem befreundeten Salzburger Geiger Benjamin Schmid auf einer Tournee auch ein Konzert in Hopfgarten gespielt, das der örtliche Pfarrer Nikolaus Erber organisiert hat. Wir hatten sofort einen sehr guten Draht zueinander, er hat mir angeboten, ein Jahr später wieder in Hopfgarten zu spielen. Am Morgen nach dem zweiten Konzert saßen wir beim Frühstück, dabei kam mir die Idee, ein kleines, aber feines Kammermusikfest zu gründen. Er sagte, er habe sich nicht getraut, mich zu fragen. Ein Jahr später hatten wir, mit organisatorischer Unterstützung des Geschäftsmannes Hansjörg Weisskopf, unsere erste Edition. Die Idee der ersten Jahre war, zur Finanzierung der neuen Orgel in der örtlichen Kirche beizutragen. Dabei wurden wir auch von Hopfgartner Gastwirten unterstützt, da die Künstler umsonst essen und wohnen konnten. Denn gespielt wurde für ein eher symbolisches Honorar. So konnten wir auch zu einigen Tasten dieses prächtigen Instruments beitragen, welches zu den besten Orgeln des Alpenraums zählt.

Was für Qualitäten müssen die Musiker mitbringen, die Sie einladen?

Jaffé: Neben den sehr hohen musikalischen Qualitäten ist mir die menschliche und soziale Seite wichtig. Wir verbringen zehn Tage zusammen. Ich überlege mir immer, ob die Zusammenstellung auch freundschaftlich funktionieren wird. Denn natürlich überträgt sich die positive Stimmung unter den Musikern auch aufs Publikum. Große Egos widersprechen dem Geist unseres Kammermusikfests absolut.

Sie leiten eine Violoncelloklasse an der Musikhochschule Dresden und geben Meisterkurse. Was wollen Sie vorrangig an die Schüler weitergeben?

Jaffé: Ich habe ein eigenes System, eine Technik des Cellospiels entwickelt, den Samen dazu hat, als ich 16 Jahre jung und bei ihm war, der geniale Cellist Rostropowitsch gepflanzt. Diese Technik hat zum Kern den Gedanken, jede Zelle des Körpers aktiv in das Spiel einzubeziehen. Das will ich den Studenten vermitteln. Mit einer Methode konnte ich schon etlichen Musikern, die beim Spielen von Schmerzen geplagt wurden, helfen – nicht nur Cellisten. Mein Unterricht basiert auf drei Säulen: Zunächst muss die Grundenergie eines Werks erspürt werden, dann gilt es, mögliche Wege zu finden, um diese auszudrücken – und auf diesen Wegen sollen möglichst eigenständige Lösungen gefunden werden.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, in Hopfgarten Meisterkurse zu halten?

Jaffé: Ja, habe ich, aber nur ganz kurz. Es werden heute so viele Meisterkurse angeboten, dass Studenten oft nicht mehr wissen, wohin sie noch fahren sollen. Zu diesem Überangebot will ich nichts mehr beitragen. Ein zweiter Grund ist, dass solche Kurse einen immensen Organisationsaufwand bedeuten. Ich habe ein großartiges Organisationsteam, das ehrenamtlich arbeitet. Es wäre unzumutbar, ihnen noch den Aufwand von Kursen aufzubürden.

Sie haben selbst mehrere Violoncello-Preise gewonnen. Wie wichtig sind Wettbewerbe heute für junge Instrumentalisten?

Jaffé: Ein Preis bei einem großen Wettbewerb ist ein Türöffner, eine Chance. Aber man muss geschaffen sein für das, was nach dem Preis kommt. Ich kenne großartige junge Musiker, die bedeutende Preise gewannen, aber feststellen mussten, dass die Bühne auf Dauer nicht ihre Sache ist.

Ihr Vater Don Jaffé ist auch Cellist und ein berühmter Komponist. Wie ist Ihre Beziehung?

Jaffé: Mein Vater war mein Lehrer vom ersten Bogenstrich bis zum Diplom. Niemand hat meine musikalische Laufbahn stärker geprägt. Nach meinem Diplom habe ich auch bei anderen Lehrern studiert, der große Geiger Sandor Végh in Salzburg hat mich sehr beeinflusst. Der phänomenale Cellist Daniil Schafran ebenso. Aber auch in dieser Zeit stand mir mein Vater als engster Berater zur Seite.

Was ist der Hintergrund Ihrer Flamenco-Konzerte?

Jaffé: Ans Flamenco bin ich durch den legendären Flamenco-Gitarristen Pedro Bacán gekommen. Er suchte einen Cellisten als Klangbereicherung für seine Musik. Aus der ersten Begegnung und dem Auftritt vor Tausenden Menschen bei der Weltausstellung 1992 in Sevilla ist eine tiefe Freundschaft und Partnerschaft entstanden. Wir traten bei vielen bedeutenden Festivals auf. Pedro starb im Februar 1997 bei einem Autounfall. Er wurde nur 46 Jahre alt. Nach Jahren ohne Flamenco habe ich Anfang der 2000er-Jahre dann ein eigenes Flamenco-Ensemble gegründet, mit dem ich seither auftrete. Wir machen aber keine Flamenco-Show, sondern einen neuartigen, gleichberechtigten Dialog zwischen den Instrumenten und dem Tanz. Sozusagen Kammermusik à la Flamenca.

25 Jahre Hopfgarten – was verbindet Sie heute mit dem Tiroler Ort?

Jaffé: Hopfgarten ist meine zweite Heimat geworden, wobei es schwer ist zu sagen, welches meine erste Heimat ist. Meine Mitarbeiter, Albin Ritsch, Andrea Achrainer und Dietmar Trägner, sind zu engen Freunden geworden. Ich mag die Menschen hier, die Herzlichkeit, aber auch die Tiroler Küche. Hier kann ich meine Ideen verwirklichen wie an kaum einem anderen Ort. Mit anderen Worten: Ein großer Teil meines Herzen hat hier einen wunderbaren Platz gefunden.

Das Gespräch führte Ursula Strohal


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Das Kammerorchester Innstrumenti.Kammerorchester
Kammerorchester

Innstrumenti: Nahversorger für junge Töne und alte Meister

Das 1997 gegründete Kammerorchester Innstrumenti brachte bislang 140 Werke zur Uraufführung. 2019/20 folgen mindestens zehn weitere.

Bekannt wurde Ric Ocasek als Sänger der von ihm mitbegründeten Band "The Cars", für die er auch die meisten Lieder schrieb.1944-2019
1944-2019

Cars-Frontmann Ric Ocasek starb an Herzkrankheit

Wie die Familie des 75-Jährigen auf Instagram mitteilte, hatte sich der Musiker kurz vor seinem Tod einer Operation unterziehen müssen und habe sich davon zu ...

Bekannt wurde Ric Ocasek als Sänger der von ihm mitbegründeten Band "The Cars", für die er auch die meisten Lieder schrieb.1944 - 2019
1944 - 2019

„The Cars“-Sänger Ric Ocasek gestorben

Als Sänger von The Cars schrieb Ric Ocasek Rock-Geschichte - und eine Reihe von radiotauglichen Hits. Nun wurde er tot in seinem Haus aufgefunden. Musikerkol ...

Die Leistungsgesellschaft ist zu überdenken: Sängerin Mira Lu Kovacs (Mitte) ruft in „High Performer“ zu Alternativen auf. <span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Clemens Fantur</span>„High Performer“
„High Performer“

High-End-Pop mit Schlips: 5K HD veröffentlichen neues Album

Die Elektro-Supergroup „5K HD“ veröffentlichte mit „High Performer“ ihren zweiten Longplayer.

Die Band nannte ihren letzten Auftritt "Einäscherungspartie".Wien
Wien

Schluss-Akkord der EAV: Kultband sagt mit „Banküberfall“ & Co leise Baba

Die Kultband Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) hat am Samstag ihr allerletztes Konzert in der Wiener Stadthalle gegeben. Ein würdiger Abschied.

Weitere Artikel aus der Kategorie »