Letztes Update am Di, 03.09.2019 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Mark Andre, Composer in Residence: Die Gefahren des Lauten leise enthüllen

Mark Andre ist Composer in Residence der am Freitag startenden Klangspuren. Ein Gespräch über aufklärende Risse, verklingende Sündenböcke und über Töne, die die ganze Geschichte enthalten.

Mark Andre, geboren 1964 in Paris, zählt zu den derzeit gefragtesten Komponisten Neuer Musik. Er lebt in Berlin und lehrt an der Musikhochschule Frankfurt und am Conservatoire de Strasbourg.

© Foto TT/Rudy De MoorMark Andre, geboren 1964 in Paris, zählt zu den derzeit gefragtesten Komponisten Neuer Musik. Er lebt in Berlin und lehrt an der Musikhochschule Frankfurt und am Conservatoire de Strasbourg.



Ihr Zyklus Risse I–III kommt bei den Klangspuren zur österreichischen Erstaufführung. Was verstehen Sie unter Rissen? Wenn etwas zerreißt, geht es zumeist kaputt.

Marc Andre: Ich verstehe den Begriff nicht dekonstruktivistisch oder gar negativ. Ein Riss ist auch eine Möglichkeit der Entfaltung, eine Öffnung, die etwas Gefaltetem Raum gibt. Im Lukas-Evangelium gibt es die Schilderung eines Zusammentreffens des Auferstandenen mit zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Dort heißt es: Als er erkannt wurde, verschwand er. Dieses Bild, diesen Prozess finde ich hochinteressant: Ein Zustand verklingt, aber es entsteht ein anderer, eine neue Kategorie der Präsenz. Mir geht es um die Musik im Prozess ihres Verschwindens. Das möchte ich beobachten.

Das erinnert mich an eine Zeile eines ganz anderen Musikers. In Leonard Cohens „Anthem“ heißt es: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“

Andre: Das ist ein schönes Bild. Mich beschäftigt aber nicht nur das Licht, das in einen Riss hineinstrahlt, sondern auch das Licht, das durch einen Riss herauskommt.

Ihre Werke sind betont leise und herausfordernd fragil. Sie fordern nicht nur von den Interpreten höchste Konzentration, sondern auch beim Zuhören.

Andre: Die Intensität der situativen Gestaltung ist mir wichtig. Was passiert, wenn ein Ton verklingt. Diese Veränderung will ich nüchtern beobachten, ihre Intensität erforschen. Aber das ist kein abstraktes Konzept. Es betrifft jeden Menschen: Wenn man offenen Auges und offenen Ohres durch die Welt geht, kann man auch das Alltäglichste, das Wehen des Windes, die Geräusche von Motoren, Veränderungen intensiv wahrnehmen und, das mag jetzt banal klingen, jede Veränderung bedeutet etwas, jede Veränderung macht etwas mit uns.

Woher kommt dieses Interesse an verklingenden Tönen – und an den Geschichten, die sie erzählen?

Andre: Schon als Kind war ich akuter Asthmatiker. Das kann man behandeln. Aber die Therapie entlässt einen nicht aus der Verantwortung. Man muss weiterhin aufmerksam sein. Man ist permanent gezwungen, auf seinen Atem zu hören. Jede Veränderung, auch die kleinste und leiseste, bedeutet etwas, man muss darauf achten.

Trotzdem: Gerade Ihre Arbeiten drohen in lauten, am Grellen interessierten Zeiten nicht mehr gehört zu werden.

Andre: Sie haben Recht. Aber auch darum geht es. Der Religionsphilosoph René Girard hat am Beispiel der Passionsgeschichte von der „Enthüllungskraft des Sündenbockmechanismus“ gesprochen. Vereinfacht gesagt, hat sich Jesus geopfert und sich Gewalt antun lassen, um die Spirale der Gewalt zu unterbrechen.

Das heißt, als Komponist enthüllen Sie die Gefahren des Lauten durch den Fokus auf das besonders Leise.

Andre: Das jedenfalls versuche ich. Mich interessiert das Ausdifferenzierte, das Detail – und nicht das Offensichtliche, Brachiale und Banale.

Gerade das Laute und um Eindeutigkeit Bemühte ist derzeit populär. Nicht nur, aber gerade auf dem Feld des Politischen.

Andre: Meine Musik hat keine politische Botschaft, aber sie ist Ausdruck einer Haltung. Die Politik, die Nachrichten und Parolen machen mich wie wohl viele andere ratlos. Aber ich bin nur Komponist.

Sie setzen sich in Ihren Werken intensiv mit religiösen Motiven auseinander. Welche Rolle spielt Ihr Glaube für Ihre Arbeit?

Andre: Nimmt man das Christentum ernst, spielt das Nachdenken eine herausragende Rolle. Wenn wir das Evangelium lesen, lesen wir nicht zuletzt Gleichnisse. Gleichnisse sind komplex. Sie müssen nachvollzogen und ausgelegt werden. Was heißt es, wenn im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein Mann „halbtot“ am Rand einer Straße gefunden wird? Ihm wird geholfen. Die einfachste Botschaft ist klar: Es geht um Nächstenliebe. Aber wie wird der Hilfsbedürftige geschildert? Wir wissen nichts über ihn. Er ist entklassifiziert und halbtot. Was heißt das? Es ist ein Zwischenzustand, ein Zustand des Übergangs.

Er ist nicht mehr wirklich am Leben, aber auch noch nicht gestorben.

Andre: Genau. Aber was heißt das? Solche Fragen beschäftigen mich als Komponist.

Das heißt, Musik ist ein Vorwand, solche Gleichnisse in Klang weiterzudenken?

Andre: Ich würde nicht von einem Vorwand sprechen. Aber meine Art zu beobachten und nachzudenken ist die Musik. Als Komponist arbeite ich nolens volens mit Dingen, die ich nicht erfunden habe. Ich komponiere für ein bestimmtes Instrument, aber ich habe dieses Instrument nicht erfunden. Ich arbeite mit bereits Existierendem. Nutze es für mich. So gesehen bin ich ein Parasit. Wenn ich auch nur einen Ton für einen Flügel komponiere, enthält dieser Ton die ganze Geschichte des Flügels. Diese Geschichte ist auch halbtot: Sie spielt für meine Komposition vielleicht keine Rolle. Trotzdem ist sie da. Und ich muss sie mitdenken.

Als Composer in Residence der Klangspuren begleiten Sie auch die Akademie des Ensemble Modern, bei dem heuer Ihre Kompositionen erarbeitet werden. Lernt man die eigenen Werke im Zusammenspiel mit anderen Interpreten neu kennen?

Andre: Selbstverständlich, und das ist ein großes Privileg. Es ist ein neues Beobachten, das Erfahren anderer Perspektiven, die manchmal auch zu Revisionen führen. Es entfaltet sich etwas Neues, neue Räume.

Das Gespräch führte Joachim Leitner