Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.09.2019


Innsbruck

Klangspuren: Das Geheimnis des Existenziellen

Subtiles Seelenschwingen: Marc Andres Trilogie „riss 1–3“ bei den Klangspuren.

Das „Ensemble Modern“ unter Michael Wendeberg sorgte im Haus der Musik Innsbruck für eine Stunde höchster Konzentration.

© HauserDas „Ensemble Modern“ unter Michael Wendeberg sorgte im Haus der Musik Innsbruck für eine Stunde höchster Konzentration.



Innsbruck – Es gibt Begegnungen, die einer Fügung gleichkommen. In Israel traf der elsässische Komponist Mark Andre bei Recherchen die Theologin Margareta Gruber. Grubers Aufsatz „Der Vorhang zerreißt“ sollte zur Grundlage von Andres am Samstagabend im Rahmen der Klangspuren im Haus der Musik aufgeführter Trilogie „risse“ werden.

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Nach Grubers Auffassung wählte Jesus als Standort für sein Leben den Riss. Den ersten Riss symbolisiere der Ort seiner Taufe am Toten Meer, einem geologischen Riss durch die Erdkruste. Der zweite sei der, als nach der Taufe der Himmel aufriss und der Heilige Geist auf Jesus in Form einer Taube herabschwebte. Der dritte Riss schließlich wäre jener, als Jesus stirbt und der Vorhang im Tempel zerreißt. Der Riss ist für Gruber eine Metapher für die Doppelgestalt von Präsenz und Ferne, von An- und Abwesenheit. Auch mit riss 1 (2016), riss 2 (2014) und riss 3 (2016) für Ensemble zeigt sich Andre mehr als Klangforscher denn als Klangschöpfer. Er sucht nach akustischen Entsprechungen für Emotionales. Zudem erfüllt seine Musik auch den Wunsch vieler Hörer nach Spiritualität in der Musik. Die kommt bei Andre aber nicht als neutonale New-Age-Seelenmassage daher, sondern ungemein fordernd.

Im Ensemble Modern unter der Leitung von Michael Wendeberg fand Andre den idealen Klangkörper. Die Riss-Trilogie ist für Andre eine Musik der Kommunikation, ein auf die Seele gerichtetes sinnliches Vergnügen. Es ist eine ästhetisch-menschliche und auch moralische Auseinandersetzung um menschliche Werte, um letztlich Freude zu erzeugen. Traditionell zielgerichtete Entwicklungen und Formverläufe spielen keine große Rolle. Andre schöpft vorbehaltlos aus einem unbegrenzten akustischen Vorrat.

Wenn Alufolie raschelt, Styroporblöcke aneinanderreiben, Schwirrbögen rauschen, Musiker kollektiv ihre Instrumente „beatmen“ oder sie als Perkussionsinstrumente benutzen, so folgt das einer hochpräzisen Choreographie, deren höchst subtiler Charakter, deren facettenreiche Zartheit auf klang- und geräuschmalerischen Wegen das Geheimnis des Existenziellen zu deuten versucht. Für das Publikum eine Stunde höchster Konzentration, Kontemplation, Meditation, Seelenschwingen. (hau)




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