Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Klangspuren Schwaz

Harfenistin Zeena Parkins: „Komponieren in Echtzeit“

Die US-amerikanische Harfenistin Zeena Parkins ist „Improviser in Residence“ der Klangspuren Schwaz. Ein Gespräch über ein Instrument mit unbegrenzten Möglichkeiten und die Kunst, im richtigen Moment nichts zu tun.

Zeena Parkins reizt die Möglichkeiten der Harfe aus. Mit ihrer Experimentierfreude beeindruckte sie bereits Popmagierin Björk.

© Foto TT/Rudy De MoorZeena Parkins reizt die Möglichkeiten der Harfe aus. Mit ihrer Experimentierfreude beeindruckte sie bereits Popmagierin Björk.



Von Joachim Leitner

Innsbruck, Schwaz – Ihr Instrument hat sich die US-amerikanische Harfenistin Zeena Parkins nicht ausgesucht. Es wurde ihr zugewiesen. Ganz zufällig. Parkins studierte Piano. Doch die Regeln ihrer High School in Detroit sahen vor, dass angehende Pianisten ein zweites Instrument erlernen mussten. Dafür wurde sie am ersten Schultag in den Raum 101 MX geschickt – und dort standen acht Konzertharfen. „Damit konnte ich zunächst wenig anfangen“, erinnert sich Parkins. Harfen sind unbeweglich – und ziemlich „bourgeoise“. Gelernt hat sie das Instrument trotzdem. „Ganz traditionell“, wie sie sagt. Die Fingernägel mussten sauber und die Bluse gebügelt sein. Da war Zeena Parkins schon klar, dass sie keine Orchestermusikerin werden wollte. Obwohl sie für ihre Mahler- und Strawinsky-Interpretationen gelobt wurde. Auch eine Karriere als Konzertharfenistin reizte sie kaum. „Ich wusste genau, was ich nicht wollte. Nur das, was ich wollte, wusste ich nicht.“ Das zeitgenössische Repertoire für Harfe war überschaubar. Zumeist handelte es sich um Transkriptionen von Pianostücken. „Das ergab doch keinen Sinn. Wieso soll ich als Pianistin Pianostücke für die Harfe spielen?“ Auf dem Höhepunkt der Sinnkrise zog Zeena Parkins einen Schlussstrich – und lernte Akkordeon.

Dann kam Chris Cutler, britischer Perkussionzauberer und Grenzgänger irgendwo zwischen Avantgarde, Jazz und Prog-Rock. Er wollte Parkins für ein Projekt begeistern. Suchte aber nach einer Harfen­istin. Da war Parkins bereits nach New York gezogen – und tief eingetaucht in die Klänge der Sub- und Subsubkultur. Wenig später arbeitete sie mit John Zorn zusammen. Mit Gitarrist Fred Frith und Cellist Tom Cora bildete sie ab 1984 die Skeleton Crew – und begann, ihrem Instrument, auch mittels Hilfsmitteln, Messern zum Beispiel oder Streicherbögen, neue Töne zu entlocken. Ungefähr zu dieser Zeit formulierte Parkins einen Satz, der sie seither verfolgt: „Die Harfe ist eine Sound-Maschine mit grenzenlosen Möglichkeiten.“ „Als ich das sagte, stand ich noch ganz am Anfang meiner Laufbahn – und hatte noch gar keine Ahnung, wie grenzenlos die Möglichkeiten wirklich sind“, gesteht sie.

Das vielbemühte Zitat findet sich auch in den Handreichungen der Klangspuren 2019. Parkins ist die erste „Improviser in Residence“ des Festivals. Und damit Schirmherrin eines neuen „Festivals im Festival“, das Reinhard Kager, künstlerischer Leiter der Klangspuren, etablieren will: „Klangspuren Improv“ findet von 19. bis 21. September im SZentrum Schwaz statt. In Tirol hat sich bislang vornehmlich das Artacts-Festival in St. Johann um diese Spielart des Zeitgenössischen verdient gemacht.

Im Rahmen der International Ensemble Modern Academy im Haus der Musik Innsbruck hat Parkins Kurse in der Kunst des spontanen gemeinsamen Musizierens geleitet. Lässt sich Spontanität tatsächlich erlernen? Parkins zögert. „Improvisation heißt im Grunde komponieren in Echtzeit“, sagt sie. Aber das geschehe nicht im luftleeren Raum. „Man muss lernen zu hören, auf sich selbst, die eigene Präsenz, aber noch mehr auf die Mitspieler. Jeder Ton, den ich erzeuge, beeinflusst, was die anderen machen. Ich muss also wissen, ich muss spüren, wann ich was mache – und ich muss wissen, wann ich nichts mache.“ Grundsätzlich gälte eine Regel: „Nicht jeder gute Musiker kann auch improvisieren, aber improvisieren geht nur mit guten Musikern.“

Von ihrer eigenen Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu tun, hat Parkins nicht zuletzt die isländische Popmagierin Björk überzeugt. Mehrere Jahre arbeiteten Björk und Parkins intensiv zusammen, für das Album „Vespertine“ (2001) zum Beispiel. Björk habe sich damals für die Harfe interessiert – und ihr einen handgeschriebenen Brief geschrieben. „Nach dem ersten Vorspiel habe ich es gewagt, ihr einige meiner Sachen zu zeigen.“ Deren Urteil war eindeutig: „Wow“.

Festival im Festival

Improv #1: Am Donnerstag, 19. 9., präsentieren Katharina Klement und Martin Siewert ihr Album „Hoverload“. Danach tritt Franz Hautzinger mit seinem Regenorchester XII im SZentrum auf.

Improv #2: Otomo Yoshihide, Sachiko M, Axel Dörner und Martin Brandlmayr widmen sich tags darauf der „Strength of Quietness“, Marino Pliakas und Peter Brötzmann versprechen danach „Full Blast“.

Improv #3 beginnt am Samstagabend mit einem Solo von Zeena Parkins. Danach kommt Parkins’ „Double Duo Quartet“ zur Weltpremiere. Beginn ist jeweils: 20 Uhr.


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