Letztes Update am Fr, 20.09.2019 07:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Franz Morak: „Kreativität braucht Reibung“

Franz Morak war Burgschauspieler, Risiko-Rocker und Kulturstaatsminister. Mit seinem neuen Album „Leben frisst rohes Fleisch“ gastiert er morgen Abend in Wörgl. Die TT traf ihn vorab zum Gespräch.

Franz Morak, geboren 1946 in Graz, war Ensemblemitglied des Burgtheaters. 1980 veröffentlichte er sein erstes Album „Morak“.

© RachléFranz Morak, geboren 1946 in Graz, war Ensemblemitglied des Burgtheaters. 1980 veröffentlichte er sein erstes Album „Morak“.



In Rudi Dolezals „Austropop-Legenden“-Film sagen Sie im Rückblick auf ihre Laufbahn: „Ich bin in einen Personenzug gestiegen, der zum ICE wurde.“

Franz Morak: Ja, darum geht es auch in meiner aktuellen Platte „Leben frisst rohes Fleisch“. Man steht vor dem Spiegel, stellt fest, dass einem die Zeit das Leben wegfrisst. Obwohl man sich ja immer wie 25 fühlt. Man fühlt sich wie 25 und wundert sich, dass einem in der Straßenbahn der Sitzplatz angeboten wird. Lange geht man sorglos mit der Zeit um – und dann hat man das Gefühl, alles läuft im Zeitraffer ab.

Weil der letzte Bahnhof näherkommt?

Morak: Weil die Endstation erahnbar ist.

Ihrem jüngsten Album haben Sie mit der Box „Morak alles“ auch eine Sammlung Ihrer bisherigen Platten mit auf dem Weg gegeben. Eine Bestandsaufnahme?

Morak: Ich habe mich dabei ertappt, dass ich – zunächst wirklich nur für mich – manches aus der Vergessenheit holen wollte. Darunter auch meine Lesung von Karl Kraus’ „Die dritte Walpurgisnacht“. Ein Text, vor dem ich nach wie vor staunend stehe, staunend vor der Art, wie Kraus diese Sätze bildet, staunend vor der Kraft und der Aggressivität der Sprache. Kraus hat das Buch 1934 geschrieben – und straft darin alle Lügen, die später behaupteten, nichts gewusst zu haben.

Der erste Satz lautet: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“

Morak: Ein ganzes Buch ist ihm ein- und aufgefallen. Ein großes Werk, geschrieben, um laut gelesen zu werden.

Literatur spielte in Ihrem Leben immer wieder eine Rolle, als Schauspielschüler im Grazer Forum Stadtpark, dann am Volks- und Burgtheater. Als Kulturpolitiker stifteten Sie einen nach Ernst Jandl benannten Preis.

Morak: Wir leben in einer Zeit, in der die Bilder das gesprochene und vor allem das geschriebene Wort überstrahlen. Das ist problematisch, weil wir Bilder kaum hinterfragen. Wir glauben das, was wir sehen. Dadurch geht die Komplexität des Denkens verloren. Auch im Internet, das ich sicher nicht verteufeln will, gibt es drei große Regeln: Alles muss schnell gehen, Texte müssen kurz sein und am besten auf Englisch. Das läuft auf eine Form von Konformität und Gleichmacherei hinaus, die Kreativität tötet. Als junger Mensch habe ich in Graz, einer damals ungemein konservativen Stadt, erlebt, wie wichtig es für Kreative ist, dass sie sich an etwas reiben können. Ich kann jedem nur raten, dass er sich einen Gegner suchen soll, gegen den er anarbeiten kann.

Sie sind 1994 in die Politik gegangen. 2000 wurden Sie Kulturstaatsekretär unter Bundeskanzler Schüssel – und damit zum Reibebock für Kulturschaffende. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hat Sie kürzlich als „schlimmsten Kulturpolitiker überhaupt“ bezeichnet.

Morak: Ich habe viel gemacht, das seither nicht abgeschafft wurde. Zur Josefstadt nur so viel: Ich habe die Umwandlung des Theaters in eine Stiftung vorangetrieben – und dadurch die Finanzierung durch Bundeszuschüsse gesichert. Aber auch die Einführung der Künstlersozialversicherung als Fonds, der zuzahlt, stammt von mir. Aber klar: Wenn man jemandem 1000 Euro gibt, wird man immer gefragt, warum es keine 2000 Euro sind. Ich habe als Kulturpolitiker das gemacht, was ich, als Mensch der den Kulturbetrieb kennt, für richtig und wichtig hielt.

Sie haben ein neues ORF-Gesetz auf den Weg gebracht. Ziel war die Entpolitisierung des Senders. Das ist bis heute nicht gelungen.

Morak: Mir war es wichtig, den öffentlich-rechtlichen Auftrag neu zu definieren. Aktive Politiker gibt es durch die Umwandlung des Kuratoriums in den heutigen Stiftungsrat nicht mehr.

War es ein Fehler, Matthias Hartmann als Burgtheater-Direktor zu bestellen?

Morak: Künstlerisch war Hartmann erfolgreich, aber er wollte zu viel verdienen. Im Vorvertrag, den ich mit ihm geschlossen habe, war das ausgeschlossen. Ich habe einen Intendanten bestellt, niemanden, der sich als Regisseur aufbraucht. Fakt ist, dass sämtliche Instanzen, die ihn kontrollieren hätten sollen, versagt haben. Verlängert wurde sein Vertrag dann von Claudia Schmied – und auch da hat keiner wirklich hingesehen.

Steht nach der Rückkehr zur Musik auch eine Rückkehr auf die Theater-Bühne an?

Morak: Nein. Das ist vorbei. Ich gehe selten ins Theater. Lieber geh’ ich in die Oper, die ich relativ spät für mich entdeckt habe. Wer die Netrebko einmal erlebt hat, der weiß, das ist nicht von dieser Welt.

Das Gespräch führte Joachim Leitner




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