Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.09.2019


Musik

Herzergreifende Bibelrunde nach Noten

„Profeti della Quinta“ erfüllen den Innsbrucker Dom mit der schmerzvoll-schönen Josefs-Geschichte.

Aufgereiht zum ausgiebigen Schlussapplaus im Innsbrucker Dom: Instrumentalisten und Sänger der „Profeti della Quinta“ mit dem musikalischen Leiter Elam Rotem ganz rechts am Cembalo.

© UnterbergerAufgereiht zum ausgiebigen Schlussapplaus im Innsbrucker Dom: Instrumentalisten und Sänger der „Profeti della Quinta“ mit dem musikalischen Leiter Elam Rotem ganz rechts am Cembalo.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Sonntagabend. Das ist jene Zeit, da manch einer nach geistig-seelischer Nahrung lechzt, als letzte Chance, ehe der Alltag wieder das Kommando übernimmt.

Solcherart Suchende wurden vorgestern im Dom zu St. Jakob fündig, und zwar im Übermaß. Zum Saisonauftakt der Innsbrucker Abendmusik bot das vielgepriesene Vokalquintett Profeti della Quinta, verstärkt durch eine Selektion feiner Instrumentalisten, die Möglichkeit zur Alltagsflucht in schönster Form.

Herzergreifend (weniger geschwollen ist es kaum zu beschreiben) erzählen Sänger und Musiker die biblische Geschichte von Josef, den die eifersüchtigen Brüder ins Jenseits befördern wollen und der schlussendlich als Sklave nach Ägypten verkauft wird.

Eine knallharte Story, nachzulesen unter anderem im Alten Testament, geprägt von Leid, Sehnsucht und Einsamkeit, von zurückgewiesener Liebe, doch gottlob mit Happy End. Denn Josef und seinen Brüdern glückt nach Jahren der Trennung die Versöhnung. Auch seinen Vater Jakob, einen der Stammväter der Israeliten, bekommt Josef, als Hellseher in Ägypten zu höchsten Ehren aufgestiegen, noch einmal zu Gesicht.

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Elam Rotem, Bass-Sänger, Cembalist und Gründer der Profeti della Quinta, hat auf Basis dieses Stoffes 2013 das Oratorium „Rappresentatione di Giuseppe ed i suoi fratelli“ (Josef und seine Brüder) komponiert. Musikalisch im Stil des Frühbarocks, gesungen auf Hebräisch – und beim Konzert im Dom mit deutschen Untertiteln übersetzt.

Die Sogwirkung ist gewaltig. Nach ein paar Takten sind die Zuhörer (und diesfalls auch Mitleser) vollends eingetaucht in die Darbietung unter dem hell erleuchteten Cranach-Hochaltar.

Countertenor Doron Schleifer fungiert als Erzähler. Mit höchster Hingabe und ebensolchen Tönen macht er die Qualen Josefs förmlich spürbar. Lange hallt Schleifers Stimme im (auch akustisch gesegneten) Gotteshaus nach.

Auf historischen Instrumenten wie Gambe oder Chitarrone gestaltet das Ensemble einen wehmütigen Soundtrack. Chef Elam Rotem spinnt am Cembalo behutsam den Handlungsfaden. Eine derart faszinierende Bibelrunde hat man noch selten erlebt.