Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.10.2019


Konzert

Mozart in Innsbruck — aber so ganz anders

Mitsuko Uchida und das „Mahler Chamber Orchestra“ eröffneten mit einer unglaublichen Interpretation der Mozart-Klavierkonzerte in F-Dur und d-Moll die Meisterkonzerte.

Mitsuko Uchida macht Mozart glücklich – daran ließen sie und das „Mahler Chamber Orchestra“ das Publikum in Innsbruck teilhaben.

© OtterMitsuko Uchida macht Mozart glücklich – daran ließen sie und das „Mahler Chamber Orchestra“ das Publikum in Innsbruck teilhaben.



Von Wolfgang Otter

Innsbruck – Wolfgang Amadeus Mozart und Mitsuko Uchida – das ist wie eine Liebesbeziehung. Eine aus der Kategorie der glücklichen, die im Laufe der vielen Jahren inniger geworden ist – und ganz und gar nicht langweilig. Man ist sich vertraut, aber schafft es trotzdem, neue Seiten zu finden. Und so wird es mit jedem Jahr spannender und tiefgründiger. Was die mittlerweile 71-jährige Mitsuko Uchida mit ihrer Jugendliebe Mozart macht – es ist fast unglaublich.

Zwei Klavierkonzerte hat sich die zum Weltstar avancierte Pianistin für das erste Meisterkonzert in Innsbruck ausgesucht: Das „Zweite Krönungskonzert“ in F-Dur (KV 459) und das so tiefgreifende Konzert in d-moll (KV 466). Gerade in dieser Kompositionsgattung ist Mozarts Seele gut zu finden. Der Komponist erlebte in ihr Anerkennung durch das Publikum und fand die Freiheit von seinem ihn beherrschenden Vater Leopold.

Der Komponist ging dabei neue Wege wie im d-Moll-Konzert. Das erste übrigens, bei dem er eine Molltonart verwendete und zugleich Solisten und Orchester in Widersprüche führt. Während nämlich die Streicher und Bläser dunkel grollend das Unheil heraufbeschwören, versucht das Klavier mit Optimismus dagegenzuhalten, bevor der Abschluss im strahlenden Dur gefunden wird. Kein Wunder, dass es mit zu den beliebtesten Klavierwerken Mozarts gehört.

Uchida spielte am Sonntagabend in Innsbruck nicht nur, sondern sie dirigierte vom Klavier aus auch gleich selbst das Mahler Chamber Orchestra, das aus dem Gustav Mahler Jugendorchester entsprungen ist. Dabei drehte sie zwar dem Publikum den Rücken zu, umarmte es aber trotzdem musikalisch.

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Das Unterfangen – Dirigent ist gleichzeitig Solist – hat durchaus seine Tücken, wird Uchida doch von ihrer eigentlichen Aufgabe abgelenkt, was bei kniffligen Einsätzen zu Unsicherheiten führen kann. Doch die Orchestermusiker kennen Uchida mittlerweile gut. Und diese dirigiert und spielt Mozart nicht nur, nein, sie formt ihn geradezu, arbeitet mit ungeheulicher Akribie jede Nuance heraus – sie tanzt und „singt“ mit dem Orchester, dabei jeden Ton, jede Phrasierung genauestens abwägend. Ganz abgesehen davon scheinen technische Herausforderungen nicht zu existieren.

Eine wahre Explosion der Musikalität und der interpretatorischen Intelligenz, die an diesem Abend von allen Musikern am Podium geboten wurden. Ein Mozart, der unheimlich vertraut klang und doch voller Überraschungen steckte – unglaublich eben.

Zwischen den beiden Klavierkonzerten erklang ein genialer Trauergesang: Als Richard Strauss seine Metamorphosen für 23 Solostreicher schrieb, lag die Welt in Trümmern, waren Millionen auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges verblutet. Schmerz und Auflehnen gegen das Unvermeidliche schwingen in diesem Spätwerk mit Anspielungen auf Beethoven mit. Strauss wollte sich damit von einer verwüsteten Welt verabschieden. Die Streicher des Mahler Chamber Orchestra verwandelten sich zu Solisten, um sich aufwühlend, aber auch innig spielend wieder zu vereinen. Der Abend war ein grandioser Auftakt der Meisterkonzerte-Saison.