Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 16.10.2019


TT-Interview

Kerem Hasan: „Respekt ist keine Frage des Alters“

Auftakt zu den Symphoniekonzerten. Der neue, erst 27-jährige Chefdirigent Kerem Hasan plant keine Revolution, aber doch spürbare Änderungen.

Kerem Hasan legt Wert auf Kollegialität: „Als Dirigent bin ich weder Schreihals noch Diktator.“

© Foto TT/Rudy De MoorKerem Hasan legt Wert auf Kollegialität: „Als Dirigent bin ich weder Schreihals noch Diktator.“



Am Donnerstag beginnt im Innsbrucker Congress Ihre Ära als Chefdirigent des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI). Sind Sie nervös?

Kerem Hasan: Eine Grundanspannung bei Konzerten ist wichtig, denn diese führt zur Ausschüttung von Adrenalin. Das braucht man, und das geht allen Musikern so.

Der Brite Kerem Hasan eröffnet die Saison mit Musik von Landsmann Benjamin Britten, wohl kein Zufall?

Hasan: Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits wird Britten außerhalb Großbritanniens selten gespielt, was schade ist. Und das Stück bei unserem Eröffnungskonzert, Brittens „The Young Person's Guide to the Orchestra", rückt die einzelnen Instrumentengruppen ins Rampenlicht. Wir starten die neue Saison mit dem Orchester als Solisten.

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Mit Ihren 27 Jahren sind Sie halb so alt wie manche der Musiker, die Sie dirigieren. Wie verschafft man sich da Respekt und Autorität? Sie wirken wie der „nice guy" von nebenan, nicht wie ein gestrenger Taktgeber.

Hasan: Respekt ist keine Frage des Alters. Respekt erhält ein Dirigent vom Orchester, wenn er am Pult gut arbeitet. Ich spüre jedenfalls keinen Widerstand wegen meines Alters. Das TSOI hat ja vor meiner Bestellung zum Chefdirigenten, nach zwei Gastdirigaten im November 2017 mit Tschaikowskis 5. Symphonie, anonym über mich abgestimmt. Es kommt auf die Chemie an. Zwischen mir und dem TSOI stimmt diese.

Werden Sie jemals laut bei den Proben?

Hasan: Das ist nicht mein Stil. Ich bin weder Schreihals noch „Diktator". Wenn bei der Probe etwas zum wiederholten Mal nicht klappt, gibt es einen Grund dafür. Es geht um Teamwork und nicht darum, jemanden fertigzumachen. Natürlich muss ich auf bestimmten Dingen beharren. Doch ich mache das mit einem freundlichen Gesicht.

Sie leben in London und sind als Dirigent an vielen Häusern gefragt. Wie kam es zur Bewerbung für den Chefposten in Innsbruck?

Hasan: Innsbruck ist eine Stadt mit viel Geschichte, auch in der Musik. Ich habe hier einen Dreijahresvertrag. Ein junger Dirigent muss Erfahrungen sammeln. Daher sitze ich viel im Flugzeug mit Engagements zwischen Japan und den USA. Ich werde weiter in London wohnen, die Flugverbindungen nach Innsbruck sind ja gut.

Planen Sie markante Änderungen am klanglichen Erscheinungsbild des TSOI?

Hasan: Die Innsbrucker Konzerte brauchen keine Revolution. Es ist viel Gutes da. Das Fundament des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck ist ausgezeichnet. Das Publikum goutiert das. Zwei meist ausverkaufte Klassikkonzerte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen: Das bekommt man sonst fast nirgends.

Der Kurs der letzten Jahre wird also fortgesetzt?

Hasan: Ich möchte die Farben- und die Klangpalette des Orchesters weiterentwickeln und die Grenzen des Repertoires erweitern. Beim 1. Symphoniekonzert wird diese Woche auch Schostakowitsch zu hören sein. Das hat es in Innsbruck seit mehreren Jahren nicht gegeben. Schostakowitsch ist aber ein wichtiger Komponist des 20. Jahrhunderts. Das Repertoire eines Orchesters muss eine gewisse Balance aufweisen, über die Romantik hinaus.

Wie weit wagen Sie sich vor, werden Sie Experimente zulassen?

Hasan: Wir spielen nicht für uns, sondern für unser Publikum, das auch kommt, um neue musikalische Erfahrungen zu machen. Neue und experimentelle Musik sind mir daher wichtig. Im Mai spielen wir, erstmals in Österreich, ein Schlagzeugkonzert mit Musik von Avner Dorman, ausgeführt von Schlagzeuger Simone Rubino. Neue Musik und eine Symphonie von Gustav Mahler an einem Abend — eine ziemliche Bandbreite.

Die TSOI-Konzerte sind gut besucht, junge Gesichter sieht man im Publikum freilich selten. Wie wollen Sie jungen Menschen die Scheu vor Klassik nehmen?

Hasan: Der Altersmix bei Konzerten in Österreich passt. In England tut man sich da schwerer. Es gilt dort bei jungen Menschen als uncool, zum Klassikkonzert zu gehen. In Innsbruck gibt es Kinder- und ­Jugendkonzerte, und man kann bei den Proben dabei sein. Die Grenze zwischen Orchester und Publikum soll möglichst verschwinden. Das macht die Musik für die Jugend ­interessant.

Die Frage nach Ihrer Meinung zum Brexit kann ich Ihnen als Briten zum Schluss nicht ersparen.

Hasan: 98,5 Prozent der Musiker in Großbritannien waren einer Umfrage zufolge gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU, ich zähle zu dieser großen Mehrheit. Der Brexit ist ein trauriges Kapitel. Er hat Nachteile für alle Künstler, für Briten in der EU und EU-Bürger in Großbritannien. Politiker spielen mit unserer Karriere und unserer Zukunft. Denn Musik ist immer international. Im TSOI sind 21 Nationen vertreten.

Das Gespräch führte Markus Schramek