Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.10.2019


Musik

Von der Wildspitze in die Stube: Willi Resetarits im TT-Gespräch

Ein kurzer Anruf bei Willi Resetarits war geplant, ein ausgewachsenes Gespräch ist es geworden. Der 70-jährige Wiener Musiker pflegt auch eine ganz spezielle Beziehung zu Tirol.

Wieder einmal zurück in Tirol. Willi Resetarits gastiert morgen Mittwoch um 20.30 Uhr im Innsbrucker Treibhaus.

© www.imago-images.deWieder einmal zurück in Tirol. Willi Resetarits gastiert morgen Mittwoch um 20.30 Uhr im Innsbrucker Treibhaus.



Von Markus Schramek

Wien, Innsbruck – Willi Resetarits, the artist formerly known as Ostbahn-Kurti, mag vieles sein: Ein unbeschriebenes Blatt ist er nicht. Fünf Karrierejahrzehnte hat er auf dem Buckel, von den politrockigen Schmetterlingen über besagten Rock-Haudegen Kurt Ostbahn bis hin zum seit mehreren Jahren aktiven, zurückgelehnten Soundkollektiv namens Stubnblues (=Dialektlieder veredelt mit Zutaten des Rhythm ’n’ Blues). Der Wiener Sänger mit burgenländisch-kroatischen Wurzeln hat also reichlich Spuren in vielen Lokalitäten (auch Gastwirtschaften) in der Alpenrepublik hinterlassen. Man möchte meinen, der seit dem Vorjahr 70-Jährige sei bis ins letzte Eck seiner gar nicht faden Vita biografisch ausgeleuchtet. Und dann das: Per Zufall erfährt man, dass Willi R., rein sportlich betrachtet, auch etwas von einem Tiroler an oder in sich hat, nach dem Motto „Aufi muaß i“: Resetarits zog es als Alpinist in die Tiroler Berge, sehr gerne in den Raum Imst/Ötztal.

Bis vor wenigen Jahren war es ein kräfteraubender Pflichttermin: Angeleitet von einem Freund aus dem Tiroler Oberland, Peter mit Namen, erklomm Resetarits zum Winterfinale auf Tourenski die Wildspitze. „Leider kamen dann aber sehr viele andere auf dieselbe Idee, so wurde es dann eine Rauferei hinauf und eine Rauferei hinunter“, blickt Resetarits im Gespräch mit der TT zurück auf vergangene Gipfelsiege. In deutlich jüngeren Jahren hatte er Sport und Anglistik studiert. Knapp vor der Lehramtsprüfung kratzte er jedoch die Kurve in Richtung Musik.

Morgen Abend macht Resetarits wieder einmal konzertant in Tirol Station, mit einem Best of Stubnblues im Innsbrucker Treibhaus (20.30 Uhr). Hunderte Konzerte hat er hinter sich, fad wird es ihm nicht, weil: „Ich bin neugierig geblieben und offen für jede Art von Musik.“

Als dreifacher Vater erwachsener Kinder ist er froh, auch im Rentneralter noch halbwegs fit zu sein. Ein paar Wehwehchen nimmt er in Kauf: „Das ist immer noch viel besser, als tot zu sein.“

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Dass er noch auftreten kann, ist so selbstverständlich nicht. Die Bühnenfigur des Kurt Ostbahn, eines Working-Class-Underdogs mit viel Herz, großer Klappe und üblen Trinkgewohnheiten, lebte Resetarits in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts auch privat in exzessiver Weise aus. Nicht selten fand er nach durchzechter Nacht nicht mehr den Weg nach Hause. In seiner zum 70er erschienenen Biografie beschreibt er unverblümt die Zustände jener Tage.

Heute kommentiert er diese nur noch knapp: „Es waren damals auch wirklich wilde Zeiten, aber ich habe sie überlebt.“

Auf der Bühne gibt Resetarits die (deutlich ruhiger gewordene) Rampensau und den Schmähführer vom Dienst. Aber auch abseits seines hauptsächlichen Arbeitsortes ist der Künstler gar nicht wortfaul. Er engagiert sich seit Langem in der Flüchtlingshilfe. Und er ist es gewohnt, politisch Stellung zu beziehen. So auch jetzt. „Es ist kein Geheimnis, dass ich politisch links stehe.“ Mit den Schmetterlingen in den 70er-Jahren sei er gar „linksradikal“ unterwegs gewesen. Später habe er dann den Ideen der Grünen, etwa deren Anti-Atomkraft-Haltung, einiges abgewinnen können. Aktuell sei der Klimaschutz das wichtigste Thema überhaupt. Die Sozialdemokraten seien als Partei zwar wichtig, deren aktuelles Auftreten empfinde er jedoch als erbarmungswürdig.

Das rot regierte Wien – wohin Klein-Wilhelm dreijährig mit seiner Familie aus dem Burgenland übersiedelte, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen – nimmt Resetarits bei der politischen Nabelschau ausdrücklich in Schutz. Die Stadt werde gut verwaltet und sei lebenswert „wie nur was“. Er wohnt noch immer im umgebauten Elternhaus in Bruckhaufen, zwischen Alter und Neuer Donau, im Bezirk Floridsdorf. Ende der 50er-Jahre wechselte Familie Resetarits innerhalb der Großstadt das Quartier: von der Einzimmerwohnung in Favoriten mit Klo am Gang hinüber nach Transdanubien, auf die andere Seite der Donau. Dort, nahe einer aufgelassenen Mülldeponie, gab es leistbaren Baugrund.

Resetarits’ Eltern leben nicht mehr. Das Haus aber wird in Ehren gehalten. Willi hat es gekauft und seinen Brüdern, dem Kabarettisten Lukas (der eigentlich Erich heißt) und ORF-Moderator Peter, abgegolten.

„So, jetzt sind wir aber ganz schön ins Plaudern gekommen“, befindet Willi R. an dieser Stelle. Spricht’s und bedankt sich für die Aufmerksamkeit.




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