Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.12.2019


All This Music Must Fade

„The Who“: Ein schönes Alterswerk zweier Überlebender

Die kultigen Rock-Opas „The Who“ gönnten sich 13 Jahre Zeit für ein neues Studioalbum. Jetzt ist es da. Und das Warten hat sich gelohnt.

Noch immer Seite an Seite: Roger Daltrey (l.) und Pete Townshend, verbliebener Rest von „The Who“.

© imago/ZUMA PressNoch immer Seite an Seite: Roger Daltrey (l.) und Pete Townshend, verbliebener Rest von „The Who“.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Mit einer solchen Ansage kann man, die nötige Frechheit vorausgesetzt, eine gespannt wartende Zuhörerschaft natürlich auch willkommen heißen: „Mir ist es egal, ich weiß, dass ihr diesen Song hassen werdet. Er ist weder neu noch anders.“ Derlei Trotziges gibt Sänger Roger Daltrey in „All This Music Must Fade“ von sich, dem Opener des neuen Albums von Daltrey und Gitarrist Pete Townshend, noch besser bekannt unter der Bandbezeichnung The Who. Und so heißt die neue Langrille (verfügbar ab 6.12.) auch: schlicht „WHO“ in großen Lettern. Nicht zu übersehen und auch im fortgeschrittenen Alter gut lesbar.

Denn Daltrey (75) und Townshend (74) sind zwei Dinos des Rock, die letzten Überlebenden einer Band zwischen Kult und Katastrophe, zwischen Genie und Wahnsinn. „WHO“ ist das erste Who-Album seit 13 Jahren und überhaupt erst die 12. Studioproduktion einer Band, die seit den 60er-Jahren mehr oder weniger konsequent tätig ist. Soloprojekte, private Tiefschläge und endlose Konzerttourneen ließen nicht mehr Zeit für auf Platte gebannte Musik.

The Who sind schon wer (oder waren es zumindest): viel aufmüpfiger als die braven Beatles, noch selbstzerstörerischer als die Rolling Stones. Gitarrist Townshend mochte am eigenen Saitenspiel so gar kein Gefallen finden. Regelmäßig zerstörte er daher, aus seiner Sicht logisch, auf offener Bühne die jeweils aktuelle E-Klampfe seiner Wahl. The Who waren in lichten Phasen aber auch ein innovatives Musikerkollektiv (ursprünglich zu viert). Townshend experimentiert­e nicht nur mit illegalen Substanzen. Er war auch ein Soundtüftler. Von ihm stammen knackige Riffs und sehr brauchbare Keyboard-Sequenzen, er schrieb Hadern und Klassiker: vom totgegrölten Wutsong „My Generation“ über das fetzige „Pinball Wizar­d“ bis zum epischen, fast sinfonisch angelegten „Won’t Get Fooled Again“.

Jetzt also kommt nach langer Zeit Nachschub. Und was soll man sagen: Das Album „WHO“ ist richtig gut geworden. Keine Spur von Peinlichkeit. Daltrey zeigt sich auch im Rentneralter gut bei (einer fraglos tiefer gewordenen) Stimme. Und Townshend, der die elf neuen Tracks geschrieben hat, verfügt auf der Stromgitarre über genug Drive und Fantasie. Fallweise zitieren sich The Who gleich selbst. Der neue Song „Detour“ etwa zeigt schöne Anklänge der Uralthits „Magic Bus“ und „Baba O’ Riley“.

Im augenzwinkernden „I Don’t Wanna Get Wise“ wehren sich zwei vom Leben gebeutelte Senioren gegen das Klügerwerden. Doch die Zeiten, da The Who für Skandale sorgten, sind längst passé. Altersmilde, ja gar ein Verlangen nach heiler Welt, versprüht folgerichtig das poppige „Beads On One String“, ein sehr spätes Hippie-Liedchen der Marke „Make love, not war“.

Und jetzt – bitte gut festhalten! Auf „I’ll Be Back“ (diese Wortfolge kennen wir doch von irgendwo) übernimmt Ex-Drischdrein Townshend den Gesang, begleitet von sentimentalen Orchesterklängen. Und nicht nur das: Townshend spielt, man wagt es kaum zu denken, Mund-har-mo-ni-ka!

The Who legen, vielleicht überraschend, ein schönes Alterswerk vor. Gehöriges Feue­r lodert noch in einem Zweier-Gespann, das schon alles erlebt und gesehen hat.

Rock The Who: „WHO“. CD, Vinyl. Erscheint am 6. Dezember bei Polydor (Universal Music).


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