Letztes Update am Sa, 20.04.2013 23:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik

„Lernt die Stille schätzen!“

Am Sonntag wird in Innsbruck von der Akademie St. Blasius F. P. Hubers Symphonie Nr. 3 uraufgeführt. Ein Gespräch mit dem Komponisten über Neue Musik, akustischen Müll, Etikettierung und sein Vornamenrätsel.



Herr Huber, auch wenn die Frage an den Komponisten lästig ist: Was erwartet die Zuhörer bei Ihrer dritten Symphonie?

Michael F. P. Huber: Die dritte Symphonie besteht nur aus zwei Sätzen, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich will nicht zu viel verraten, es gibt auch keinen außermusikalischen Hinweis, nur so viel: Der erste Satz beginnt heftig und stellt gleich das Hauptmotiv vor – so etwas wie eine „10-Ton-Reihe“, die Ausgangspunkt für die weitere musikalische Entwicklung ist. Der Zuhörer muss das nicht wissen, aber es ist ein Hinweis auf strenge musikalische Ökonomie. Im Verlauf des Satzes schleicht sich ein „Störfaktor“ ein, der das weitere Geschehen brutal verändert. Der zweite Satz ist eine Reaktion auf den ersten. Das Ende der Symphonie lässt verschiedene Deutungen zu, und genau das ist mir wichtig: Das Publikum muss sich sein eigenes Programm dazudenken, keiner Vorgabe folgen.

Fühlen Sie sich einsam in der gegenwärtigen symphonischen Landschaft?

Huber: Jeder Komponist ist auf seine Weise Einzelgänger. Gibt es eine gegenwärtige symphonische Landschaft, die bewusst wahrgenommen wird? Ist jedes heute komponierte Orchesterwerk gleich symphonisch? Ich habe schon viel zeitgenössische Orchestermusik gehört, die mir nicht im Geringsten wie Orchestermusik vorgekommen ist. Das Instrumentieren für eine so große Besetzung ist keine angeborene Fähigkeit, sondern etwas, was man sich hart erarbeitet. Das Entwickeln einer Klangvorstellung will trainiert werden. Dem Vorwurf, die „altmodische Gattung“ zu verteidigen, setze ich mich gerne aus. Außerdem werden noch viele Symphonien komponiert, auch in Österreich.

Sie sprechen sich dagegen aus, dass immer Neue Musik geschrieben werden muss.

Huber: Jede Musik, die neu komponiert wird, ist Neue Musik! Es ist nur nicht möglich und hat keinen Sinn, jedes Mal die Musikgeschichte neu erfinden zu wollen. Mein ehemaliger Tonsatz-Professor Iván Eröd formuliert es treffend: „Ich benütze vorhandene Worte dafür, was ich sagen will.“ Entscheidend ist die Bedeutung, die ich den „vorhandenen Worten“ gebe bzw. in welchem Zusammenhang ich sie benutze. Da lässt sich auch Neues, bisher Unerhörtes, formulieren. Auch Wortwitz und Wortspielerei lassen sich durchaus auf das Schreiben von Musik übertragen. Stilistische Berührungsängste sollte man keine haben, aber sich abgrenzen von gewissen Trends in der Neuen Musik, vor allem, wenn sie einem die Lust am schöpferischen Tun verderben.

Gibt es Aufträge?

Huber: Seit einigen Jahren komponiere ich nur noch für konkrete Projekte. Da gibt es jede Menge Werke, die ich auf Anregung schreibe, aber auch Aufträge. Einer, der mich in nächster Zeit beschäftigen wird, ist ein Konzert für Pauken und Orchester, das ich für die kommende Saison des Tiroler Symphonieorchesters und seinen Solopauker Robert Zorn schreibe.

Hat ein Individualstil heute noch Relevanz?

Huber: Mehr denn je! Es wird nur immer schwieriger, Individualstile als solche zu erkennen, und nicht jeder Individualstil ist unbedingt originell.

Sie unterrichten an der Musikschule. Was wollen Sie Ihren Schülern grundsätzlich mitgeben?

Huber: Den Schülern die Freude an der Musik nicht verderben, sondern sie fördern. Seid kritischer in dem, was ihr hört. Habt den Mut, etwas abzulehnen. Und lernt die Stille schätzen! Lernt, die Geräte auf lautlos zu stellen oder abzuschalten. Wenn man darüber nachdenkt, wo man überall mit akustischem Müll vollgeladen wird, man müsste das Komponieren aufgeben oder „Eine Stunde Stille“ komponieren. In dieser Hinsicht war John Cage ein Visionär.

Sie haben sich auch mit Film- bzw. Medienkomposition, Jazz, Pop, Rock und experimentellen Formen beschäftigt. Mit welchen Folgen?

Huber: Alles fließt in meine Arbeit ein, das muss aber keinen stilistischen Mischmasch bedeuten. Ich habe versucht, mir einen möglichst breiten Horizont zu verschaffen und Vorurteile abzubauen. Man spricht ja immer noch von E- und U-Musik, auch wenn die Grenzen längst überschritten wurden. Die Musikindustrie ist bemüht, stets neue, marktwirksame Schlagworte und Stilrichtungen zu erfinden. Dabei sind kuriose Begriffe wie „Postmoderne“, „Neue Einfachheit“, „Minimalismus der X-Generation“ usw. entstanden, es haben sich neue Etikettierungen ergeben, um Musikrichtungen zu schubladisieren.

Werden Sie schubladisiert?

Huber: Wenn man sich, wie ich, erlaubt, Melodien oder gar tonale Strukturen zu verwenden, ohne bekennender Minimalist zu sein, wird man heutzutage schnell und voreilig als „retro“ abgestempelt. Dass dies ebenso kurzsichtig ist, wie den hundertsten Aufguss dessen, was man in den 1950er-Jahren in Darmstadt produziert hat, als „aktuelle zeitgenössische Musik“ zu bezeichnen, sollte klar sein.

Was haben Sie für Pläne?

Huber: Ich werde versuchen, so viele Aufträge wie möglich zu erfüllen und meinen kompositorischen Wirkungsradius zu vergrößern. Gerne würde ich mich dem Musiktheater zuwenden. Auch eine neue Filmmusik ist geplant.

Wofür steht F. P. eigentlich?

Huber: Die Frage aller Fragen! Drei Vornamen verringern die Verwechslungsgefahr. Mit F. P. trage ich auch den Namen des gegenwärtigen sowie des allerersten Papstes.

Das Gespräch führte Ursula Strohal




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