Letztes Update am Mo, 16.09.2013 06:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik

„Eindeutige NS-Codes“

Tanzer, Ploner und der Nationalsozialismus: Doch was sagt eigentlich die Musik? Wissenschafter finden auch in Werken nach 1945 deutliche Hinweise auf die NS-Ideologie.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Ausgerechnet in Bonn ist am Dienstag dieser Woche Sepp Tanzers 1952 komponierte Suite für Blasorchester „Tirol 1809“ zum Thema – und auch zu einem Beispiel für die Verwendung von nationalsozialistischen „Codes“ auch nach 1945 geworden. Anlass war ein Symposion des militärmusikalischen Dienstes der Bundeswehr, zu dem der an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst lehrende Musikwissenschafter Christian Glanz als Vortragender geladen war.

Im Herbst 2012 sprach Glanz auch beim Innsbrucker Symposium „Musik und Nazismus in Tirol“, damals über die „Symphonie in Es-Dur“ von Josef Eduard Ploner, komponiert ebenfalls Anfang der 1950er-Jahre. Den Werken ist eines gemeinsam, nämlich die Verwendung des Chorals „Wach auf, du deutsches Land“ des deutschen Kantors Johann Walter (1496–1570). Auf die Tatsache, dass dieses Werk für die österreichischen Nationalsozialisten eine Art „Geheimcode“ darstellte, verwendet in der „Verbotszeit“ der NS im Ständestaat, hat bereits Hans Brenner in „Wach auf, wach auf, du deutsches Land. Metamorphosen“ (1993) hingewiesen. Auch andere Experten, etwa der Tiroler Musikwissenschafter Kurt Drexel, hat die eindeutige NS-Konnotation mehrfach thematisiert.

Glanz: „Das war eine Art politisches Glaubensbekenntnis, das bei Ploner sehr tragend im ersten und letzten Satz vorkam. Und Tanzer macht genau dasselbe am Beginn des zweiten Satzes von Tirol 1809. Er hätte ja unschwer irgendein Kirchenlied nehmen können, aber er nimmt ausgerechnet diesen protestantischen Choral von Johann Walter.“ Für Glanz ein Hinweis darauf, dass die beiden Komponisten sich nach 1945 „in einer neuen Verbotszeit sehen“. Nach dem Motto: „Es hat sich zwar das System geändert, aber wir bleiben unseren Überzeugungen treu.“ Das sei, so Glanz „eine Theorie“, die Hinweise darauf aber „sehr stark“: „Wenn ein so eindeutig politisch konnotierter Choral später vorkommt, ist das nicht wegzudiskutieren.“

„Tirol 1809“, ein, wie der Titel nahelegt, Hohelied auf den Tiroler Volksaufstand 1809, weist auch noch andere problematische Bezüge auf, nämlich zu Franz Liszts „Les préludes“, dessen „Andante Maestoso“ als Signation für die Ostfrontberichterstattung in der Wochenschau diente. Dafür, dass Tanzers Werk nicht mehr gespielt werden sollte, tritt Glanz jedoch nicht ein: „Man muss es nur wissen. Man spielt ja auch nach wie vor Richard Wagner. Aber ich würde mir wünschen, dass man, wenn in Zukunft ,Tirol 1809‘ gespielt wird, darauf hinweist. Gerade für die Blasmusikpraxis wäre es ganz wichtig, dass man endlich über diese Sachen redet.“

Denn das Problem an der österreichischen Blasmusik sei, dass „sie sehr viel braunes Erbe mitzerrt und Tradition völlig falsch versteht.“ Glanz, selbst ehemaliger Kapellmeister in der Steiermark, sieht die gesamte Organisationsstruktur des österreichischen Blasmusikverbandes kritisch: „Sie ist extrem feudalistisch. Es gibt eine extrem enge Anbindung an den jeweiligen Landeshauptmann oder sein Büro. Im Prinzip befinden wir uns da im Spätmittelalter. Der Verband fungiert als Zurufer, schreibt Märsche für den LH, dafür gibt es Posten und Probenlokale.“

Die Aufarbeitung der NS-Zeit ist und bleibt jedenfalls ein heißes Eisen. Was den Tiroler Blasmusikverband betrifft, soll, wie berichtet, in einer Vorstandssitzung am heutigen Donnerstag darüber beraten werden.

Insgesamt ist aus Sicht von Christian Glanz jedenfalls auch im Bereich der österreichischen Blasmusik nach 1945 das zu beobachten, was die Zeitgeschichtsforschung „Elitenkontinuität“ nenne: „Tanzer war die graue Eminenz: Er hatte Funktionen im Rundfunk, im Blasmusikverband und bei den Wiltenern inne.“

Es gebe im Musikbereich natürlich auch andere Fälle, etwa den Dirigenten Karl Böhm, der „als überzeugter Nazi viele Konzerte mit dem Horst-Wessel-Lied beendet hat. Richtig Karriere gemacht hat er dann erst nach dem Zweiten Weltkrieg.“




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