Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.01.2015


Musik

Alles Sinfonie zum Finale

© HauserDie serbische Pianistin Jasminka Stancul präsentierte sich bei den Tiroler Festspielen Erl als Beethoven-Interpretin ersten Ranges.Foto: Hauser



Erl – Müsste man die Sonntagsmatinee zum Finale der Tiroler Festspielen Erl Winter an einem Wort festmachen, das Wort souverän träfe es wohl am besten. Erlesen und stimmig zusammengestellt das Programm. Mit Anton Weberns Passacaglia op. 1, für Webern ein Werk von fast sinfonischem Ausmaß, Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll op. 37, das erste Klavierkonzert sinfonischen Charakters, sowie Peter I. Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 in h-Moll „Pathétique“ op. 74 war es ein Sonntag sinfonischen Ausmaßes im besten Sinn des Wortes.

Souverän die Interpretation. Gustav Kuhn und sein Orchester der Tiroler Festspiele Erl zeigen geradezu beispielhaft Weberns Tonsprache. Einerseits die spätromantische, von Reizdissonanzen getragene Überhöhung des Dur-Moll-tonalen Systems, andererseits die expressive Schönheit und polyphone Durcharbeitung. In Summe äußerste klangliche Sensitivität, feiner geht es wohl kaum. Souverän die serbische Pianistin Jasminka Stancul. Wer den Namen nicht kennt, als Beethoven-Interpretin wäre sie dringend vorzumerken. Stancul geht es nicht darum, dem Werk partout ihren persönlichen Stempel aufzudrücken. Dahinter zu verblassen, davon ist sie allerdings weit entfernt. Leidenschaftlich und einfühlsam gleichermaßen fällt sie dem Orchester nicht ins Wort. Ihr Changieren zwischen kernigem Zupacken und In-sich-Hineinlauschen ist mehr als nur ein Sich-Verneigen vor dem großen Meister.

Zum dritten Mal Souveränität mit Tschaikowskys Sechster. Kuhn reduzierte sie nicht auf eine bloß schmerztriefende Abschiedssinfonie. Er hört in ihr nicht nur Ängste, Seelenqualen und Angstträume, sondern auch das pulsierende Leben, die Freude am Dasein. Der dritte Satz, mit ungemeinem Esprit vorangetrieben, das Publikum kann sich nicht zurückhalten, weshalb auch – tosender Applaus. Vierter Satz und auch aus ihm schreit sie nicht, die schier unglaubliche Qual. Vielmehr erklingt ein tief empfundener leiser Abschied. Ergreifend, souverän. (hau)