Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.07.2015


Freizeit

Mit der Lizenz zum Sprayen

Mit Freiflächen für Graffiti und „Street Art“ will die Stadt Innsbruck die ansässige Szene in legale Bahnen lenken. Am Südende der Klinikbrücke gestalten Künstler Betonwände.

© Thomas Boehm / TTÜbermalen ist Teil der Graffiti-Kunst. Werden aber aufwändige oder noch unfertige Motive wie sein Tintenfisch beschmiert, zeigt „Lazer“ (Bild links, unterhalb der Blasius-Hueber-Brücke in Innsbruck) kein Verständnis. Gemeinsam mit „Crazy Mister Sketch“ (Bild rechts) sieht er sich als Teil einer kleinen, aber stetig wachsenden Tiroler Street-Art-Szene. Fotos: Böhm



Von Max Schnabl

Innsbruck – Sie nennen sich „Crazy Mister Sketch“ und „Lazer“. Ihre richtigen Namen möchten die beiden Künstler lieber nicht öffentlich machen – das sei in der Sprayer-­Szene so üblich. Angst vor einer Anzeige haben sie aber nicht. Schließlich bemalen der 20-jährige Sketch aus dem Stubai und der 21-jährige Lazer aus Inzing Betonwände in Innsbruck legal und nach Absprache mit der Stadt. Auch die ÖBB stellen Flächen zur Verfügung, gemeinsam mit 14 Kollegen durfte Sketch den Fußgängerdurchgang zwischen Sillpark und Pema-Turm gestalten.

Aktuell besprühen er und Lazer mit drei befreundeten Künstlern die Wände der Unterführung am südlichen Ende der Klinikbrücke. Während Sketch seine textlastigen Motive als Graffiti bezeichnet, nennt Lazer seine stilisierten Abbildungen von Tieren „Street Art“.

Mitten im Klinik-Durchgang fällt ein mehrere Meter langer Abschnitt auf, der in Farbe und Stil vom Rest abweicht. „Hier hat ein fremder Sprayer einfach über mein Bild drübergemalt“, ärgert sich Lazer. Er möchte aber noch im Sommer sein begonnenes Werk wie geplant fortsetzen. „Die Wände leben. Ein Recht auf den Erhalt eines Bildes hat niemand“, erklärt Sketch. Es gehe ihm aber ohnehin stärker um den Prozess des Malens als um das fertige Werk. „Innerhalb der Szene gibt es trotzdem eine Art Ehrenkodex. Aufwändige Motive werden länger stehen gelassen.“ Auch die von der Stadt zur Verfügung gestellten Flächen können nach Abschluss eines Motivs übermalt werden.

„Uns ist wichtig, dass es legale Graffitiflächen gibt“, sagt Walter Zimmeter, Leiter des zuständigen Tiefbauamtes. In den Unterführungen Olympiastraße/Karmelitergasse, Ampfererstraße/Bachlechnerstraße, an der Südseite der Prinz-Eugen-Brücke und rund um Tivoli-Schwimmbad und Olympiaworld gibt es Wände, wo jeder ohne Kontaktaufnahme mit der Stadt malen darf. Für die Unterführungen beim Pema-Turm, der Klinikbrücke und dem Kreisverkehr am Südring (der innere Ring ist aus architektonischen Gründen tabu) ist eine Anmeldung beim Tiefbauamt nötig. „Uns genügt ein Name. Ausweise oder Skizzen der Motive sind nicht vorgeschrieben“, sagt Zimmeter. Diffamierende, sexistische oder rassistische Inhalte sind verboten.

Auch wenn die Stadt keine Namen weitergibt, halte die Meldepflicht potenzielle Künstler ab, vermutet Sketch. „Natürlich spielt der Kick des Illegalen und Anonymen für viele eine wichtige Rolle. Man darf aber nicht vergessen, dass es ohne die oft kritisierten Schmierereien auch die ästhetische und anerkannte Street Art nicht gäbe“, ist der Zivildiener überzeugt.

Wie es sich auf illegale Sprayer auswirkt, dass Stadt und ÖBB vermehrt Mauern freigeben, ist noch offen. Auch wenn die Fälle von Sachbeschädigung durch illegale Graffiti in den vergangenen zwei Jahren von 83 (2013) auf 103 (2014) anstiegen, könne man laut Stadtpolizeikommando längerfristig nicht von einer Zunahme sprechen. Heuer langten bisher rund 40 Anzeigen bei der Polizei ein.

Sketch und Lazer sind sich einig, dass Tirols Graffiti-Szene großes Potenzial habe. Noch könne man die Aktiven „an zwei Händen abzählen“, über Kurse kämen aber immer mehr Jugendliche hinzu.