Letztes Update am Mi, 09.12.2015 13:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fitness

Digital vermessen, Leben verbessern

Mit der smarten Uhr oder dem Fitness-Armband am Handgelenk – den Technik-Trends 2015 – ist die digitale Selbstvermessung im Alltag angekommen. Bewege ich mich genug, schlafe ich richtig, passt meine Ernährung? Apps analysieren persönliche Daten und sollen Antworten auf Fragen liefern, die bislang immer dem Trainer, Trainingskollen oder Arzt gestellt wurden.

© iStockSymbolbild



Die Zeiten haben sich geändert: Vor ein paar Jahren hätten einige den 35-jährigen Münchner Florian Schumacher als „Nerd“ belächelt, weil er sich intensiv, sehr intensiv mit Computern, Daten und Technologien auseinandersetzt. Jetzt gilt er als Vorreiter und, wie zahlreiche Zeitungen ihn bezeichnen, als Experte für „Quantified Self“, dem Sammeln und Auswerten von personenbezogenen Daten. Das sieht beim Blogger und Gründer der deutschen Quantified-Self-Bewegung so aus: „Ich trage am Körper meist die Apple Watch, um die Bewegung im Alltag und den Puls beim Sport zu messen. Zusätzlich Werte bekomme ich beim Schlafen von Sensoren im Bett und von einer vernetzten Waage; beim Sport vom Sensoren am Rennrad, um die Fahrtechnik zu optimieren; und beim Krafttraining über Sensoren in der Hose, die zeigen, wie ich die Belastung meiner Muskeln optimieren kann. Außerdem untersuche ich beim Arzt und mit Hilfe von Selbsttests Blutwerte, um meine Ernährung zu kontrollieren.“

Puh, da wäre eine Aufzählung, was er nicht misst, schneller, zum Beispiel den Stuhlgang direkt über Sensoren in der Toilette. Auch das wird kommen. „Möglich machen dies innovative Sensortechnologien, sodass in wenigen Jahren die Daten im Alltag erfasst werden können.“, sagt Schumacher dazu. „Die Zukunft der Gesundheit liegt in der Prävention.“

Derzeit sollen Fitness-Armbänder vor allem Motivation sein. Sie zeichnen Schritte auf, die der Träger am Tag geht, fordern zur Bewegung auf, zählen Kalorien, vernetzen sich mit der digitalen Waage und zeigen die Schlafgewohnheiten an. Der Computer sagt „10.000 Schritte gehen“, und der Nerd von gestern wird zum Sportler der Zukunft. Auf diese überspitzte These setzt Florian Gschwandtner, einer der Gründer und Leiter von Runtastic, dem österreichischen Hersteller von Fitness-Gadgets: „Aktivitätstracker motivieren vor allem diejenigen, die sich bisher noch nicht so viel bewegt haben“, sagt er im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Es gehe darum, sich selbst zu beobachten, besser kennen zu lernen und darauf aufbauend seinen Lebenstil zu verbessern. „Wissen Sie, wie viele Schritte sie heute schon gemacht haben? Aktivitätstracker enthüllen eigene Gewohnheiten, denen man sich manchmal gar nicht so bewusst ist.“ Die Gegenthese der Kritiker lautet, dass sich eher die ohnehin schon aktiven Sportler durch Self-Tracking eine Bestätigung holen. Und dass man diese Bestätigung jetzt digital und eben nicht mehr von einem Trainingspartner bekomme.

„Die Aktivitätstracker sollen eine gemeinsame Sporteinheit nicht ersetzen“, erwidert Runtastic-Gründer Gschwandtner darauf. Dieser Meinung nicht anschließen kann sich der Sportwissenschafter Jörg-Uwe Nieland, der an der Deutschen Sporthochschule am Institut für Kommunikations- und Medienforschung forscht: Einerseits fehle der Trainer, andererseits blieben Gemeinschaftserlebnisse auf der Strecke und der Verpflichtungsgrad gegenüber anderen Sportlern nehme ab. „Der klassische Vereinssport verliert an Bedeutung.“ Das Messen von Daten und den Austausch sieht er als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Den Grundgedanken der Quantified-Self-Bewegung drückt er so aus: „Wer beobachtet wird, strengt sich mehr an!“

Der Blogger 
Florian Schumacher überwacht seinen Alltag mit Smart Watches und Fitness-Armbändern.
- Schumacher

Bei Florian Schumacher, der auch Unternehmensberater ist, hat diese Motivation vor fünf Jahren begonnen. Aus ihm wurde sozusagen ein sportlicher Nerd oder ein nerdiger Sportler, aber nicht über Nacht. „Zur Selbstvermessung gehört auch, dass man lernt, was die Messwerte bedeuten und wie man sie beeinflussen kann. Dazu lese ich Bücher und Artikel zu Themen wie Ernährung und Schlaf und experimentiere dann z.B durch die Optimierung meiner Schlafumgebung. Durch das Tracking meiner Ernährung habe ich gelernt, was in den Nahrungsmitteln steckt und was meinem Körper gut tut, wodurch sich meine Körperstruktur entscheidend verbessert hat. “

Die Daten aus Armband, Bett, Waage oder Online-Bluttests sind eben nur die Grundmenge, wie eine riesige Kiste mit Bausteinen für ein kleines Kind. Ohne Anleitung baut es einen hohen Turm, der ihm früher oder später auf den Kopf fällt. Nur wer weiß, die Daten einzusetzen, ernährt sich richtig, schläft besser, trainiert die Muskel ausgeglichen und läuft die ideale Distanz. Das alles steht unter der „Verheißung“, die Apple-Chef Tim Cook bei der Präsention Apple Watch verkündete. Die Uhr soll „vielen Menschen helfen, bessere Tage und ein gesünderes Leben zu leben“.

Der logische Schritt geht deshalb vom Sport zur Gesundheit. Für Nieland macht das an vielen Stellen Sinn, wenn etwa die Blutwerte von Diabetikern ständig kontrolliert werden oder implantierte Sensoren Herzrhythmusstörungen frühzeitig erkennen. „Aber es ist auch ein Missbrauch zu befürchten, wenn Krankenkassen das Solidarsystem aushebeln.“ Kurz gesagt: Wer gesünder lebt, zahlt weniger ein. Quantified-Self-Experte Schumacher hält dem entgegen: „Die deutsche Techniker-Kasse gibt schon einen Zuschuss von bis zu 250 Euro beim Kauf einer Apple Watch und anderen Fitness-Trackern.“ Als Motivation. „Langfristig profitieren beide Seiten. Die Versicherung spart sich Behandlungskosten und dem Versicherten bleibt Krankheit und Leid erspart.“ (Matthias Christler)


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