Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.03.2016


Neuer Skistil

Carving ist Schnee von gestern

Schmale Skiführung und Gewicht in die Körpermitte: „Natürliches Skifahren“ lautet der Trend auf den Pisten. Im neuen Lehrplan für Skischulen steht Carving für Anfänger nicht mehr auf dem Programm.

© Thomas Böhm / TTAuf den Pisten geht der Trend zurück zum natürlichen Skifahren.



Von Miriam Hotter

Jerzens – Rainer Schultes ist keiner, der lange fackelt. „Denk daran, keine extremen Bewegungen mehr“, sagt er noch schnell, bevor er die Benni-Raich-Abfahrt im Skigebiet Hochzeiger im Pitztal hinuntersaust. Keine extremen Bewegungen, das hat Schultes bereits in einem Ruck-Zuck-Theoriekurs in der Gondel erwähnt. Und was war da noch? Ach ja, schmale Skiführung. Und los geht’s.

„Natürliches Skifahren“ nennt sich der neue Fahrstil, den der Österreichische Skilehrerverband beim Interski-Kongress in Argentinien vorgestellt hat. „Alle Skianfänger sollen künftig in diesem Fahrstil unterrichtet werden“, erklärt Schultes, Leiter der Skischule Hochzeiger im Pitztal. Schultes rechnet damit, dass der „natürliche Stil“ binnen zwei Jahren in allen österreichischen Skischulen zum Programm gehört. Der Carving-Skistil, der seit langer Zeit gelehrt wurde und dem die Masse der Skifahrer auch folgt, ist dann Schnee von gestern.

Beim Carven wird der Körperschwerpunkt in eine tiefe Position verlagert
- Thomas Böhm / TT

Und wie funktioniert er, der neue Stil? Wie bereits erwähnt, sind breitbeiniges Fahren sowie extreme Bewegungen tabu. „Konkret bedeutet das: keine stark ausgerichtete Position des Oberkörpers Richtung Tal“, erläutert der 43-Jährige aus Jerzens. Stattdessen sollte das Gewicht in die Körpermitte verlagert werden. „Der Oberkörper befindet sich also über der Fußmitte. Sprung-, Knie- und Hüftgelenk sollten dabei annähernd im Verhältnis zueinander gebeugt sein.“ Der Sinn dahinter: Kraft sparen. „Diese Körperhaltung ist viel ökonomischer als jene beim Carving-Stil, bei dem die Oberschenkel immer unter Druck sind“, erklärt Schultes.

Beim natürlichen Skifahren befindet sich der Schwerpunkt über der Fußmitte.
- Thomas Böhm / TT

Er steht mitten auf der Piste, sein halbes Gesicht unter einer orange-gelben Skibrille versteckt. Als Ex-Skirennläufer (u. a. dreifacher Tiefschnee-Europameister) weiß er ganz genau, dass Carving nur etwas für Profis ist. „Das haben nur Leute drauf, die wir in die schwarze Könnerklasse zuordnen“, erklärt er. Die meisten Skifahrer wüssten gar nicht, was Carven eigentlich sei. „Ich zeig’s dir“, sagt er und setzt zum ersten Schwung an. Schultes rast Richtung Tal, bremst ab und wirbelt dabei eine Schneewolke auf. „Jetzt du“, ruft er nach oben.

Unten angekommen vergleicht er beide Spuren. Seine ist geschnitten, die andere gerutscht. „Das zeigt, wie sinnlos es ist, Anfänger so zu unterrichten, als würden sie bald einmal carven können. Das wollen wir jetzt ändern.“ Mit „wir“ meint Schultes ihn und seine ca. 18.000 österreichischen Skilehrer-Kollegen.

Eine mehr als hüftbreite Skistellung ist das Merkmal beim Carving.
- Thomas Böhm / TT

Ein Hauptanliegen dabei ist, die Körperposition den Alltagsbewegungen anzupassen, also Schluss mit gekünstelten Drehungen und Verrenkungen. „Skifahren wird so einfach wie Gehen auf der Straße“, sagt Schultes.

Beim natürlichen Skifahren befindet er sich über der Fußmitte.
- Thomas Boehm / TT

Der Trend zur Natürlichkeit hat nun also auch die Skifahrer-Welt erreicht. „Mit dem neuen Stil bringt man schlichte Eleganz auf die Piste“, sagt Schultes. Zumal der Kunde genau das fordert: Eine Befragung unter 60 Skischulen in Tirol hat nämlich ergeben, dass 80 Prozent der Gäste eine Skischule nicht etwa besuchen, weil sie Buckelpisten meistern oder sich im freien Gelände bewegen möchten. „Die Leute wünschen sich, auf der Piste zumindest schön auszusehen“, bringt es der Ex-Skirennläufer auf den Punkt.

Schön auszusehen, das muss man sich erst leisten können. Doch Schultes beruhigt. „Für den Schönskilauf benötigt man kein neues Material, man kann seine Carving-Ski weiterhin benutzen. Auch All-Mountain-Ski eignen sich für den Schönskilauf sehr gut“, betont Schultes.

Das ist die gute Nachricht. Es gibt aber auch eine schlechte, die lautet: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – auch nicht im natürlichen Skifahren. „Übung ist auch beim natürlichen Skifahren das A und O. Aber keine Sorge, man lernt den natürlichen Stil viel schneller als das Carven“, spricht er allen Anfängern Mut zu. Da hat er gerade noch einmal die Kurve gekriegt.

Beim Carven wird der Körperschwerpunkt in eine tiefe Position verlagert (o.), beim natürlichen Skifahren befindet er sich über der Fußmitte.
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